13.07.2010
Interview mit Matthias Zuber Martin Farkas und
Der in Deutschland wegen Sexualdelikten verdächtigte Paul Schäfer gründete 1961 in Chile die „Colonia Dignidad“, in der er ein „urchristliches Leben im Gelobten Land“ versprach. Der Geheimdienst folterte und exekutierte Oppositionelle während der Pinochet-Diktatur auf dem festungsartigen Gelände. Wegen Korruption und da er sich an Kindern der Sektenmitglieder vergangen hatte, tauchte Schäfer 1996 unter. Er starb 2010 mit 88 Jahren im Gefängnis.
Die Colonia Dignidad besteht heute unter dem Namen „Villa Baviera“ weiter. Die neue Kolonieführung versucht die Gemeinschaft zu öffnen. Während der Dreharbeiten für ihren Dokumentarfilm „Deutsche Seelen – Das Leben nach der Colonia Dignidad“ lebten die Regisseure Martin Farkas und Mathhias Zuber in der Villa Baviera. Mit Cicero Online sprachen sie über diese Zeit.
Was machen 40 Jahre absolute Isolation in einem totalitären Regime aus einem Menschen?
Matthias Zuber: Die Besonderheit der Colonia Dignidad war, dass das totalitäre Regime auf engstem Raum stattgefunden hat. Die Privatheit konnte komplett eliminiert werden, die Kontrolle war jederzeit absolut. Außerdem wurde den Menschen dort jegliche Entscheidung abgenommen. Im Grunde durchleben viele nun eine Art Pubertät.
Ungefähr die Hälfte der Bewohner ist nach deren Öffnung in der Villa Baviera geblieben. Was unterscheidet sie von denjenigen, die die Gesellschaft verlassen haben?
Zuber: Dort leben viele Alte, die anderswo keine Rente beziehen. Außerdem haben sie ihr ganzes Leben der Gemeinschaft geopfert, Austritt würde das Eingeständnis einer Lebenslüge bedeuten. Es gibt des Weiteren eine Gruppe junger Menschen, die versucht hat, „draußen“ zu leben. Die Freiheit beeindruckt sie, aber der gemeinsame Hintergrund fehlt, daher können sie nicht Fuß fassen und kehren zurück. Außerdem haben die meisten keine anerkannte Ausbildung. Einige bleiben aus religiösen Gründen dort.
Was hatte Paul Schäfer an sich, dass er die Menschen derart unter Kontrolle bringen konnte?
Zuber: Die Leute aus der Colonia haben ihn als stark charismatisch empfunden, auf mich hat er in den Aufzeichnungen jedoch nicht so gewirkt. Viele der Anhänger waren Vertriebene aus dem Osten, die eine Gemeinschaft suchten und hier fanden. Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges nahm er den Menschen Entscheidungen ab.
Wie viel wussten die Bewohner über die kriminellen Machenschaften?
Zuber: Leute wie Kurt Schnellenkamp aus dem engen Umfeld Paul Schäfers wussten mit Sicherheit Bescheid. Die chilenische Regierung hat ihnen Narrenfreiheit gegeben, da sie lieber die Sekte als die Kommunisten im Land hatte. Auch die Deutsche Botschaft hat massiv kooperiert und beispielsweise hilfesuchende Flüchtlinge in die Colonia zurückgeschickt. Es gab keinen Weg hinaus. Die Leute, die von Schäfers Machenschaften wussten, haben in der Regel so hohe Privilegien genossen, dass sie an einer Aufdeckung nicht interessiert waren. Erst als der chilenische Staat nach dem Ende des Pinochet-Regimes schon einen Verwalter geschickt hatte, wurde den meisten klar, wie weit die Verstrickungen gingen. Eine ungeheure Wut auf Schäfer entstand.
War diese Wut schon vorher da oder entstand sie erst als das System zusammenbrach?
Zuber: Rüdiger sagt an einer Stelle „Furcht ja, Zweifel niemals“. Der sexuelle Missbrauch wurde von den Kindern offenbar oft als ein Liebesbeweis Schäfers empfunden, auch wenn dieser beängstigend und schmerzhaft war. An anderer Stelle sagt jemand: „Stellen Sie sich vor, sie haben 40 Jahre so gelebt und dann erfahren Sie, dass es nur ein perverser Alter war.“ Der Schmerz, den diese Menschen durchleben, ist unbeschreiblich.
Hatten Sie den Eindruck, dass die Menschen überhaupt ein Bewusstsein für Recht und Unrecht entwickeln konnten?
Zuber: Ja, es ist eben nur nicht kompatibel mit unserem. Die Bewohner waren überzeugt, die Brautgemeinde Christi zu sein und einem Propheten unter sich zu haben. Daraus folgte eine Kategorisierung von Gut und Böse. Und daraus folgte eine Legitimation, den Bösen Böses zu tun.
Aber die Kinder wurden gefoltert, ohne sich einer Straftat bewusst zu sein.
Zuber: In sich ist dieses System erschreckend schlüssig. Man wollte ihnen den Dämon der Sexualität austreiben. Wenn ein Kind eine Erektion hatte oder der Wachmann glaubte, es würde sich etwas regen, wurde es mit Strom an den Genitalien gefoltert. Auch die Mädchen wurden bei vermuteter Erregung gefoltert. Viele von ihnen wurden dadurch unfruchtbar.
Konnten die Kinder die Verbindung zur Sexualität überhaupt verstehen?
Martin Farkas: Religion, Führerkult, Unterdrückung jeglicher zwischenmenschlicher Beziehung, außer mit dem Führer, und Sexualität wurden vermischt. Es gab überhaupt keine Aufklärung; Aki erzählt im Film, wie er erst mit knapp 40 verstanden hat, woher die Kinder kommen. So wurden alle Gefühle, eben auch sexuelle, sofort mit Schuld verbunden, weil sie ja nicht angemessen einzuordnen waren.
Diese Menschen haben jetzt entdeckt, dass dieses Bild von Recht und Unrecht falsch war und dass Schäfer sie nur benutzt hat. Was hat das ausgelöst?
Farkas: Einige kamen zu der Erkenntnis, dass sie betrogen wurden oder sich schuldig gemacht haben. Viele empfinden ungeheure Trauer über ein verpfuschtes Leben. Es gibt eine starke Gruppe, die sich weiterhin in abstruse religiöse Vorstellungswelten vor der Realität flüchtet. Allerdings ist das nicht mehr die Bedingung, um dort mitzuleben.
Man erfährt im Film verhältnismäßig wenig über die Gräueltaten gezeigter Personen. Verschieben Sie mit so einer Darstellung den Fokus nicht zu weit von dem, was diese Menschen getan haben?
Farkas: Die ganze Struktur des Films vermeidet ja das nahe liegende: sich sensationsgierig noch mal in der Monstrosität der Geschichte zu baden. Der Film beginnt ganz leise, wir kommen Menschen ein wenig nahe, die uns erst fremd, dann aber doch irgendwie bekannt sind, und langsam tropfen die Ungeheuerlichkeiten in diese Bilder. Wir haben so mit kinematografischen Mitteln versucht, unsere Erfahrung dort dem Zuschauer „nacherlebbar“ zu machen: Das Böse ist eben nicht immer der Andere, das Fremde, sondern ist auch ein Potential in uns selbst. Das Böse zu exterritorialisieren, gebiert neues Böses.
Aber wenn die Leute, die sie zeigen, sich dadurch rechtfertigen, dass sich keiner reinwaschen kann, wird das Böse doch wieder auf die Gemeinschaft übertragen und in ihr erstickt statt Verantwortung dafür zu übernehmen.
Farkas: Im Film gibt es diesen entscheidenden Moment, als Aki genau diese Unterscheidung einfordert und sich wütend gegen das pauschalisierende und damit relativierende Schuldbekenntnis auflehnt. An der Stelle beginnt für mich eine Auseinandersetzung. Die dann weitergeht, wenn Rüdiger sagt: „Ich fange jetzt an, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen“ - im Alter von fünfzig Jahren!
Wenn Schäfer zurückkäme, könnte er sich dort wieder etablieren?
Zuber: Diese Sehnsucht haben die Menschen im Grunde. Paul Schäfer war der einzige Bezugspunkt, den sie je hatten. Sie wünschen sich, dass er zurückkommt, sich entschuldigt und somit ihr Leiden anerkennt. Ich glaube, dann würden sie ihn in ihre Gemeinschaft aufnehmen.
Farkas: Zum Glück – muss man sagen - hat sich das ja vor kurzem erledigt. Schäfer ist im April im Gefängniskrankenhaus gestorben. Es gab eine starke Gruppe, die ihren Führer auch gerne wenigstens im Tod wieder bei sich gehabt hätte. Nach heftigen Diskussionen wurde dies abgelehnt, was ich für einen großen Fortschritt halte.
Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Gespräch führte Jessica Vanscheidt
"Deutsche Seelen - Leben nach der Colonia Dignidad" Acud Kino Berlin: ab 01.07.2010 Monopol Kino München: 08.07 - 22.07.2010 . Weitere Termine in Planung. Die DVD erscheint am 08.10.2010.
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