Cicero Startseite | RSS-Feed | Facebook | Twitter | Kontakt | Abo | Als Startseite festlegen
 Anzeige
druckenIhre MeinungArtikel versenden
zoom
08.07.2010
„Den Staat im Staate hat es so nie gegeben“
von Marc Lindemann

Marc Lindemann ist Politologe und war mehrfach als Nachrichtenoffizier in Afghanistan. Mit Cicero Online sprach er über die Wehrdienstverkürzung, die Anforderungen an das deutsche Militär und weshalb das Image der Bundeswehr nicht von ungefähr kommt.

Herr Lindemann, ist der deutsche Wehrpflichtige zu schlecht ausgebildet?
Die Kräfte, die in den Einsatz geschickt werden, sind gut ausgebildet. Ehemalige Wehrpflichtige gehen überhaupt nur als so genannte freiwillig Längerdienende in den Einsatz und leisten insgesamt 23 Monate ab. Sie erhalten die Grundausbildung, die heute aber sehr wenig umfasst; sie können dann Waffen in Grundzügen beherrschen und haben gelernt, sich im militärischen Betrieb richtig zu verhalten. Danach gibt es die Speziallehrgänge, da wird dann jemand zum Beispiel als Kraftfahrer, Maschinengewehrschütze oder als Schreibstubensoldat ausgebildet. Dies sind dann auch die hauptsächlichen Funktionen, in der diese Leute überhaupt in die Einsätze gehen. Sie müssen dabei nur ihr Spezialgebiet beherrschen, das kann man in den 23 Monaten ausreichend erlernen.

Welche Tätigkeiten kann ein Soldat nach neun Monaten Wehrdienst übernehmen?
Er kann einfache Tätigkeiten ausführen, zum Beispiel als Assistenz in einer Schreibstube, Ablagen sortieren, Auto oder Bus fahren. Die Ausbildung ist in Umfang oder Intensität kaum geschrumpft seit der Wehrdienst noch 18 Monate umfasst hat, man hat die Leute damals nach der Ausbildung nur länger eingesetzt. Es ist also mehr eine Frage der Ökonomie, die Wehrpflicht weiter zu verkürzen, weil die Soldaten nach der Ausbildung nur noch sehr kurz eingesetzt werden können. Natürlich kommen mit der Verkürzung zunehmend weniger Bereiche in Frage, in denen man sie einsetzen und ausbilden kann.

Könnte ein Soldat, der nur den Wehrdienst geleistet hat, an einem Einsatz teilnehmen?
Nein, das wäre nicht zu verantworten.

Welchen Aufgaben muss das deutsche Militär in Zukunft überwiegend nachkommen?
Es muss weltweit in einem breiten Spektrum von Einsätzen verwendbar sein. In den Neunzigern dachte man, in Zukunft werde sich dies auf humanitäre Einsätze beschränken, aber die Armee muss nach wie vor auch in hochintensiven Gefechten einsetzbar sein. Hinzu kommt, dass gerade in Europa multinational agiert werden muss. Das ist eine enorme Herausforderung für das Personal, da es mindestens ab der Offiziersebene sehr gute und vielseitige Sprachkenntnisse erfordert, die der einfache Soldat meist nicht hat. Der Gegner ist nicht mehr konkret. Die Soldaten stehen bei den Einsätzen vor der gleichen Frage wie die Zivilbevölkerung: Warum mache ich das hier? Wer ist mein Gegner? Gibt es ihn so überhaupt? Das Ziel wird von der Politik gesetzt und ist nicht greifbar. Das kann man nur durch Vertrauen in die Politik ausgleichen. Ich habe nicht den Eindruck, dass das gelingt.

Ist die Struktur der Bundeswehr der aktuellen Situation angemessen?
Nein.

Was würden Sie ändern?
Bürokratieabbau. Behörden, Ämter und Stäbe sollten radikal zusammengestrichen werden. Vielfach wurde in einzelnen Verbänden alles bis auf einen lächerlichen Überrest aufgelöst, aber der Stab an sich blieb erhalten. Das ist völlig ineffektiv, dann sollte man ihn lieber streichen oder auf einer anderen Ebene zusammenlegen. Außerdem fehlt es deutlich an Infanterie, die die hauptsächliche Arbeit im Kampf leisten muss. Auch wenn man dem Gegner technisch deutlich überlegen ist, kommt man ohne diese Kräfte nicht weit.

23 von 28 NATO-Staaten haben sich bereits von der Wehrpflicht zugunsten einer Berufsarmee verabschiedet.
Deswegen muss es noch lange nicht richtig sein, das ist kein Argument.

Aber warum machen die deutschen bei dem Trend nicht mit?
Das ist vermutlich auch historisch bedingt. Der ständige Austausch zwischen Militär und Zivil sollte den „Staat im Staate“ verhindern - das Trauma nach Weimarer Republik und Nazi-Deutschland. Aber auch das ist kein richtiges Argument, denn den hat es im Grunde nie gegeben. Ein Beispiel: Hätte die Wehrmacht doch lieber mal gegen die Staatsführung geputscht, als sie noch die Macht dazu hatte. Der Welt wäre vielleicht viel erspart geblieben. Außerdem kann heutzutage keiner, der sich ein bisschen mit den Strukturen der Armee auskennt, ernsthaft Sorge haben, dass diese sich auf oben genannte Weise verselbständigen könnte. Dennoch spricht es für die Wehrpflicht, auf diese Weise eine Verbundenheit zwischen der Armee und der Bevölkerung zu schaffen.

Leistet die Wehrpflicht das heute noch?
In den Achtzigern mag der Wehrdienst das noch geleistet haben, aber mittlerweile ist das nicht mehr der Fall. Die Armee ist außen vor, und keiner scheint genau zu wissen, was sie eigentlich macht. Wer kennt denn heute noch einen Soldaten? Die Bundeswehr wird bestenfalls noch toleriert. Außerdem sollte man zwischen militärischen Vorteilen und Staatsrecht unterscheiden. Wehrgerechtigkeit existiert nicht mehr. Frauen haben Zugang zum Militär, es besteht aber keine Pflicht. Das ist militärisch zu rechtfertigen, aber es ist nicht gerecht.

Wenn es eine Berufsarmee gäbe, könnte man nicht kurzfristig Reservisten aktivieren.
Die Reservisten, die die Bundeswehr in Jahrzehnten hervorgebracht hat, kann man in der Regel nicht einsetzen, weil ihr Wissen lange überholt ist. Die wenigen Spezialisten, wie etwa Architekten, Übersetzer oder Geologen, die man braucht, bekommt man auch anders. Das ist lediglich eine Frage des Geldes. Das nötige militärische Grundwissen kann man ihnen schnell beibringen.

Aber ginge der Bundeswehr ohne die Wehrpflicht nicht der intelligente Nachwuchs verloren?
Dieses Thema wird oft tabuisiert, weil keiner einen anderen „dumm“ nennen möchte. Aber es gibt in der Bevölkerung sehr viele Dumme, und die Bundeswehr ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in Straußberg hat in einer Studie belegt, dass überproportional viel Nachwuchs aus dem Osten rekrutiert wird. Das liegt nicht an der neuentdeckten Vaterlandsliebe, sondern daran, dass es viele gibt, die sonst keine Perspektive haben. Das macht sie nicht per se zu schlechten Soldaten, aber es werden auch keine Spitzenkräfte daraus. Leider glaubt die Bevölkerung, das sei ausreichend, da in der Armee ohnehin nur gebrüllt und im Schlamm gerobbt werde. Dabei handelt es sich um ein hochsensibles und kompliziertes Instrument. Ich habe den Eindruck, dass mehr und mehr Soldaten bei der Bundeswehr bleiben, die auf dem zivilen Markt keine Chance haben. Das kann keine Lösung sein.

Woher rührt das schlechte Image der Bundeswehr?
Die Darstellung durch das Verteidigungsministerium ist schlecht. Journalisten werden unnötig ausgeklammert, und Geheimnisse werden um nichts gemacht, da sollte das Bundesministerium für Verteidigung viel offener sein. Außerdem wird in der Bevölkerung häufig die undifferenzierte Annahme getroffen: Krieg sei keine Lösung. Viele begegnen mir mit großer Skepsis, ohne zu sehen, dass ich als Soldat keinen Krieg produziere. Wer solche einfachen Zusammenhänge nicht begreift, sollte mich bitte auch sonst nicht behelligen. Zum anderen liegt es an der Darstellung der Medien, die aus einzelnen Geschichten die Bundeswehr zu einem reaktionären Verein ehemaliger Hauptschüler stilisieren. Es gibt diese Exzesse, wenn zum Beispiel Hauptgefreiter und Unteroffizier in Afghanistan mit Totenköpfen spielen. Solche Geschichten sind auch keine Ausnahme. Wenn junge Männer unter sich sind, kommt viel Unsinn dabei heraus, allerdings nicht nur beim Militär. Leider kommt dieser Ruf aber tatsächlich nicht nur von ungefähr, ich habe schon erläutert, dass die Tendenz nicht zum Intellektuellen geht. Die guten Leute gehen, weil das verstaubte System ihren Fähigkeiten an vielen Stellen nicht gerecht wird.

Wie könnte man dem entgegenwirken?
Finanzielle Anreize sind gegeben. Junge Männer mit zwanzig wollen aber auch einen anerkannten, coolen Beruf. Man müsste den Soldatenberuf wieder als ehrbar etablieren. In den Schulen wird doch oft nicht mal erläutert, worum es beim Militär überhaupt geht. Zum Bund gehen ist gesellschaftlich meist keine Option.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Die Fragen stellte Jessica Vanscheidt


Cicero Online exklusiv

Aktuelle Ausgabe 09/2010
» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
Ihr Name  
Ihr Wohnort  
Ihre eMail  
Ihr Kommentar  
    senden
druckenIhre MeinungArtikel versenden
Leserkommentare
David_ (Berlin) 14.07.2010
@ Redaktion bitte Fehler korrigieren :

... wie ihr eigenes.

heisst :

... wie ihren eigenen.


DANKE - natürlich nur wenn ihr das macht! :-)
Yvonne Walden (41334 Nettetal) 14.07.2010
Marc Lindemann geht von der Prämisse aus, daß die Bundeswehr - etwa in Afghanistan - zwingend eingesetzt werden muß. Dem ist aber nicht so.
Wer zwingt denn die deutsche Bundesregierung, an der Offensive gegen "den unsichtbaren Feind" am Hindukusch teilzunehmen ? Warum wurde der angebliche Oberterrorist Osama BinLaden von den ihn suchenden US-Streitkräften bis heute nicht gestellt ?
In Wahrheit geht es insbesondere den Vereinigten Staaten in Afghanistan um die Sicherung und spätere Ausbeutung von Rohstoffquellen unter dem Wüstensand am Hindukusch. Und die deutsche Bundeswehr marschiert folgsam mit, sicherlich auch angetrieben von der Hoffnung auf Teilhabe bei der Rohstoffvermarktung. Die wirklichen Probleme im Lande werden aber nicht gelöst. Nach wie vor beherrschen die sogenannten Drogenbarone und Stammesfürsten die Szene. Sie bleiben unbehelligt. Der Drogenanbau geht ungehindert weiter, und von dessen Erlösen werden die Taliban mit Waffen und Munition ausgestattet. Warum wird dieses durchschaubare "Spiel" nicht beendet ? Leider bleiben derlei Fragen ungestellt, so daß Herr Lindemann auf diese wirklichen Problemfelder garnicht erst zu sprechen kommt. Schade.
David_ (Berlin) 14.07.2010
@Redaktion

Mir ist in voller Aufregung ein Fehler grammatischer Art unterlaufen.
Könnten Sie das bitte ändern.

.

Da steht :

Politiker sollten den Wert eines jeden dienenden Wahlbürgers so schätzen wie ihr eigenes.

Es muss(!!) natürlich heissen:

Politiker sollten den Wert eines jeden dienenden Wahlbürgers so schätzen wie ihren eigenen.

.

Danke für die Mühe ...
Schmitz (Magdeburg) 13.07.2010
Dieser Artikel drückt genau aus, was in dem Staat BRD vor sich geht. es ist eben ein Skandal, dass junge Männer nur zur Bundeswehr gehen, um überhaupt etwas verdienen zu können. Dazu ist die Bundeswehr nicht da. In dem Artikel wird richtig beschrieben, dass es wieder den Beruf des Soldaten geben sollte. Ich habe mich schon immer gewundert, dass nicht alle Männer zur Bundeswehr eingezogen werden. Manchen würde es richtig gut tun. Die Antwort habe ich von einnem ehemaligen Kollegen bekommen, der einberufen wurde. Die Bundeswehr ruft nur Leute zur Bundeswehr, mit dem sie keine Probleme bekommt und die halbwegs intelligent sind. Andere mag man nicht. Für mich ist das eigentlich eine große Ungerechtigkeit. Während andere sich einen Lenz machen, müssen halbwegs normale Männer zur Bundeswehr. Was ich ganz scheußlich finde ist, dass die Soldaten der Bundeswehr noch nicht einmal eine anständige Uniform auf der Strasse tragen. Man sieht sie nur in diesen grässlichen Kampfuniformen. Ein anständiges Strassenbild wäre auch zu begrüssen.
David_ (Berlin) 13.07.2010
Menschen in aussergewöhnlichen Situationen benehmen sich aussergewöhnlich.

.

Die Politik hat Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Soldaten ermöglicht Menschen zu bleiben in einer aussergewöhnlichen Situation.

.

Politiker sollten den Wert eines jeden dienenden Wahlbürgers so schätzen wie ihr eigenes.

.

Hat Westerwelle gedient?

.
Anzeige
 
Cicero-Sammelschuber - Jetzt bestellen!
RSS Feed
Abonnieren Sie Netzstücke als RSS-Feed
abonnieren

randnotiz
Online exklusiv
Aktuelle Ausgabe 09/2010
» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Gratis Probeheft

Marc Lindemann
Marc Lindemann ist Politologe und war mehrmals als Nachrichtenoffizier für die Bundeswehr in Afghanistan.


Aufbruch der Leistungsträger
mehr lesen
Kultur ohne Hüter
mehr lesen
Willkommen auf dem Elektro-Basar
mehr lesen
Debatte
Warme Worte
mehr lesen
Mama, hilf!
mehr lesen
Weltbühne
Schluss mit den Ausreden
mehr lesen
Ruandas Wunderheiler
mehr lesen
Berliner Republik
Kultur ohne Hüter
mehr lesen
Produktionsfaktor Kind
mehr lesen
Kapital
Ein Computer mit vier Rädern
mehr lesen
Die Politik fördert die Altersarmut
mehr lesen
Politsche Videos
Die alte Tante ist K.O.
Video anschauen
Barack Obama schwört den Amtseid und hält die Antrittsrede
Video anschauen
Salon
„All deine Ängste ablegen“
mehr lesen
Lesende Autoren, essende Köche
mehr lesen
Leinwand
Banale, gelbe Bilder
mehr lesen
"Mit Busen ist es so..."
mehr lesen
Bibliothek
Hilfe, die Aliens kommen!
mehr lesen
Der koschere Knigge VII: Rassenlehre
mehr lesen

 Magazin Cicero
Die aktuelle Printausgabe

Inhalt
Abonnement

 Service
Newsletter
abonnieren

anmelden

 Medien im Blick
Die tägliche
Presse-
Rundschau

weiter

nach oben