08.07.2010
von Marc Lindemann
Marc Lindemann ist Politologe und war mehrfach als Nachrichtenoffizier in Afghanistan. Mit Cicero Online sprach er über die Wehrdienstverkürzung, die Anforderungen an das deutsche Militär und weshalb das Image der Bundeswehr nicht von ungefähr kommt.
Herr Lindemann, ist der deutsche Wehrpflichtige zu schlecht ausgebildet?
Die Kräfte, die in den Einsatz geschickt werden, sind gut ausgebildet. Ehemalige Wehrpflichtige gehen überhaupt nur als so genannte freiwillig Längerdienende in den Einsatz und leisten insgesamt 23 Monate ab. Sie erhalten die Grundausbildung, die heute aber sehr wenig umfasst; sie können dann Waffen in Grundzügen beherrschen und haben gelernt, sich im militärischen Betrieb richtig zu verhalten. Danach gibt es die Speziallehrgänge, da wird dann jemand zum Beispiel als Kraftfahrer, Maschinengewehrschütze oder als Schreibstubensoldat ausgebildet. Dies sind dann auch die hauptsächlichen Funktionen, in der diese Leute überhaupt in die Einsätze gehen. Sie müssen dabei nur ihr Spezialgebiet beherrschen, das kann man in den 23 Monaten ausreichend erlernen.
Welche Tätigkeiten kann ein Soldat nach neun Monaten Wehrdienst übernehmen?
Er kann einfache Tätigkeiten ausführen, zum Beispiel als Assistenz in einer Schreibstube, Ablagen sortieren, Auto oder Bus fahren. Die Ausbildung ist in Umfang oder Intensität kaum geschrumpft seit der Wehrdienst noch 18 Monate umfasst hat, man hat die Leute damals nach der Ausbildung nur länger eingesetzt. Es ist also mehr eine Frage der Ökonomie, die Wehrpflicht weiter zu verkürzen, weil die Soldaten nach der Ausbildung nur noch sehr kurz eingesetzt werden können. Natürlich kommen mit der Verkürzung zunehmend weniger Bereiche in Frage, in denen man sie einsetzen und ausbilden kann.
Könnte ein Soldat, der nur den Wehrdienst geleistet hat, an einem Einsatz teilnehmen?
Nein, das wäre nicht zu verantworten.
Welchen Aufgaben muss das deutsche Militär in Zukunft überwiegend nachkommen?
Es muss weltweit in einem breiten Spektrum von Einsätzen verwendbar sein. In den Neunzigern dachte man, in Zukunft werde sich dies auf humanitäre Einsätze beschränken, aber die Armee muss nach wie vor auch in hochintensiven Gefechten einsetzbar sein. Hinzu kommt, dass gerade in Europa multinational agiert werden muss. Das ist eine enorme Herausforderung für das Personal, da es mindestens ab der Offiziersebene sehr gute und vielseitige Sprachkenntnisse erfordert, die der einfache Soldat meist nicht hat. Der Gegner ist nicht mehr konkret. Die Soldaten stehen bei den Einsätzen vor der gleichen Frage wie die Zivilbevölkerung: Warum mache ich das hier? Wer ist mein Gegner? Gibt es ihn so überhaupt? Das Ziel wird von der Politik gesetzt und ist nicht greifbar. Das kann man nur durch Vertrauen in die Politik ausgleichen. Ich habe nicht den Eindruck, dass das gelingt.
Ist die Struktur der Bundeswehr der aktuellen Situation angemessen?
Nein.
Was würden Sie ändern?
Bürokratieabbau. Behörden, Ämter und Stäbe sollten radikal zusammengestrichen werden. Vielfach wurde in einzelnen Verbänden alles bis auf einen lächerlichen Überrest aufgelöst, aber der Stab an sich blieb erhalten. Das ist völlig ineffektiv, dann sollte man ihn lieber streichen oder auf einer anderen Ebene zusammenlegen. Außerdem fehlt es deutlich an Infanterie, die die hauptsächliche Arbeit im Kampf leisten muss. Auch wenn man dem Gegner technisch deutlich überlegen ist, kommt man ohne diese Kräfte nicht weit.
23 von 28 NATO-Staaten haben sich bereits von der Wehrpflicht zugunsten einer Berufsarmee verabschiedet.
Deswegen muss es noch lange nicht richtig sein, das ist kein Argument.
Aber warum machen die deutschen bei dem Trend nicht mit?
Das ist vermutlich auch historisch bedingt. Der ständige Austausch zwischen Militär und Zivil sollte den „Staat im Staate“ verhindern - das Trauma nach Weimarer Republik und Nazi-Deutschland. Aber auch das ist kein richtiges Argument, denn den hat es im Grunde nie gegeben. Ein Beispiel: Hätte die Wehrmacht doch lieber mal gegen die Staatsführung geputscht, als sie noch die Macht dazu hatte. Der Welt wäre vielleicht viel erspart geblieben. Außerdem kann heutzutage keiner, der sich ein bisschen mit den Strukturen der Armee auskennt, ernsthaft Sorge haben, dass diese sich auf oben genannte Weise verselbständigen könnte. Dennoch spricht es für die Wehrpflicht, auf diese Weise eine Verbundenheit zwischen der Armee und der Bevölkerung zu schaffen.
Leistet die Wehrpflicht das heute noch?
In den Achtzigern mag der Wehrdienst das noch geleistet haben, aber mittlerweile ist das nicht mehr der Fall. Die Armee ist außen vor, und keiner scheint genau zu wissen, was sie eigentlich macht. Wer kennt denn heute noch einen Soldaten? Die Bundeswehr wird bestenfalls noch toleriert. Außerdem sollte man zwischen militärischen Vorteilen und Staatsrecht unterscheiden. Wehrgerechtigkeit existiert nicht mehr. Frauen haben Zugang zum Militär, es besteht aber keine Pflicht. Das ist militärisch zu rechtfertigen, aber es ist nicht gerecht.
Wenn es eine Berufsarmee gäbe, könnte man nicht kurzfristig Reservisten aktivieren.
Die Reservisten, die die Bundeswehr in Jahrzehnten hervorgebracht hat, kann man in der Regel nicht einsetzen, weil ihr Wissen lange überholt ist. Die wenigen Spezialisten, wie etwa Architekten, Übersetzer oder Geologen, die man braucht, bekommt man auch anders. Das ist lediglich eine Frage des Geldes. Das nötige militärische Grundwissen kann man ihnen schnell beibringen.
Aber ginge der Bundeswehr ohne die Wehrpflicht nicht der intelligente Nachwuchs verloren?
Dieses Thema wird oft tabuisiert, weil keiner einen anderen „dumm“ nennen möchte. Aber es gibt in der Bevölkerung sehr viele Dumme, und die Bundeswehr ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in Straußberg hat in einer Studie belegt, dass überproportional viel Nachwuchs aus dem Osten rekrutiert wird. Das liegt nicht an der neuentdeckten Vaterlandsliebe, sondern daran, dass es viele gibt, die sonst keine Perspektive haben. Das macht sie nicht per se zu schlechten Soldaten, aber es werden auch keine Spitzenkräfte daraus. Leider glaubt die Bevölkerung, das sei ausreichend, da in der Armee ohnehin nur gebrüllt und im Schlamm gerobbt werde. Dabei handelt es sich um ein hochsensibles und kompliziertes Instrument. Ich habe den Eindruck, dass mehr und mehr Soldaten bei der Bundeswehr bleiben, die auf dem zivilen Markt keine Chance haben. Das kann keine Lösung sein.
Woher rührt das schlechte Image der Bundeswehr?
Die Darstellung durch das Verteidigungsministerium ist schlecht. Journalisten werden unnötig ausgeklammert, und Geheimnisse werden um nichts gemacht, da sollte das Bundesministerium für Verteidigung viel offener sein. Außerdem wird in der Bevölkerung häufig die undifferenzierte Annahme getroffen: Krieg sei keine Lösung. Viele begegnen mir mit großer Skepsis, ohne zu sehen, dass ich als Soldat keinen Krieg produziere. Wer solche einfachen Zusammenhänge nicht begreift, sollte mich bitte auch sonst nicht behelligen. Zum anderen liegt es an der Darstellung der Medien, die aus einzelnen Geschichten die Bundeswehr zu einem reaktionären Verein ehemaliger Hauptschüler stilisieren. Es gibt diese Exzesse, wenn zum Beispiel Hauptgefreiter und Unteroffizier in Afghanistan mit Totenköpfen spielen. Solche Geschichten sind auch keine Ausnahme. Wenn junge Männer unter sich sind, kommt viel Unsinn dabei heraus, allerdings nicht nur beim Militär. Leider kommt dieser Ruf aber tatsächlich nicht nur von ungefähr, ich habe schon erläutert, dass die Tendenz nicht zum Intellektuellen geht. Die guten Leute gehen, weil das verstaubte System ihren Fähigkeiten an vielen Stellen nicht gerecht wird.
Wie könnte man dem entgegenwirken?
Finanzielle Anreize sind gegeben. Junge Männer mit zwanzig wollen aber auch einen anerkannten, coolen Beruf. Man müsste den Soldatenberuf wieder als ehrbar etablieren. In den Schulen wird doch oft nicht mal erläutert, worum es beim Militär überhaupt geht. Zum Bund gehen ist gesellschaftlich meist keine Option.
Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Die Fragen stellte Jessica Vanscheidt |