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28.06.2010
Gipfelstürmer IV: Das Wunder von Toronto
von Wolfram Eilenberger

Am Sonntag ging der G8/G20-Gipfel mit dürftigen Ergebnissen in Toronto zu Ende. Wolfram Eilenberger war während des Gipfels für Cicero Online vor Ort und fragt sich angesichts exorbitanter Sicherheits-Ausgaben und gezwungenermaßen untätiger Journalisten nach dem Sinn der Veranstaltung. Nur ein Hintergrundgespräch mit der Kanzlerin bewahrt ihn vor dem politischen Zynismus. Auf zum Gipfelstürmen!

Zu Teil 1: Wilkommen in Toronto
Zu Teil 2: Die große Zusammenkunft
Zu Teil 3: Deutschland: 0,25 Punkte!

Natürlich gab es auch Höhepunkte. Die erste Pressekonferenz des Nicolas Sarkozy beispielsweise. Das hatte schon was, wie der französische Präsident einen geschätzten, zugegeben unbequem nachhakenden Kollegen via Videoleinwand von Muskoka aus drei Minuten lang zusammenstauchte und sich dann extra noch einmal nach dessen Heimatmedium und beruflichem Werdegang erkundigte. Oder der deutsche Achtelfinalsieg über England: 250 Kollegen und Kolleginnen aus aller Welt stehen um zehn Uhr morgens (Ortszeit) mit gut gefüllten Pappbechern an der Freibierbar des Medienzentrums, folgen gespannt dem Spiel und werden dabei von 25 Fernsehteams gefilmt, wobei diese filmenden Teams dann noch einmal von fünf weiteren, offenbar besonders inhaltsverzweifelten Teams beim Filmen gefilmt werden.

Kollegen, die Kollegen beim Kollegenbeobachten beobachten. So war das hier, auf dem G8/G20-Gipfel in Toronto, auch und gerade, was die im engeren Sinn politische Berichterstattung betraf. Eine Alternative bestand nicht. In Zeiten totaler Sicherheitskonzepte reduziert sich journalistisches Informationsbestreben auf eine mehr oder minder subtil inszenierte Präsenzsimulation ohne nachrichtlichen Mehrwert.

Daran mag niemand persönlich schuld sein. Aber so ist es. Informationstechnisch gründlich ausgehungert und von Direktkontakten ausgesperrt, werden Nebensächlichkeiten zu dankbaren Hauptthemen.

Demonstranten zum Beispiel, am besten konkret gewaltbereite. In Toronto gab es deren etwa 200. Und ein bisschen wundern musste man sich schon, weshalb die zahlenmäßig erdrückend überlegenen und bestens bewehrten kanadischen Sicherheitskräfte tatenlos dabei zusahen, wie eine Kleinstgruppe marodierender Chaoten in Torontos Innenstadt Fensterscheiben einwarf und schließlich gar den ein oder anderen Polizeiwagen in Brand steckte. Fast schien es, als wollte man diese Bilder, bräuchte sie, sagen wir, zum Zwecke einer Ex-Post-Rechtfertigung für das etwa 800 Millionen schwere Sicherheitsbudget des Gipfels. Angesichts dieser schwer nachvollziehbaren Summe wäre es schließlich geradezu eine öffentliche Katastrophe gewesen, wären gewaltsame Zusammenstöße ganz und gar ausgeblieben.

Dennoch, vier Millionen Euro pro gewaltbereiter Demonstrant, das rechnet sich nicht, denkt der Korrespondent beim Blick auf Bildschirm 1 des Pressezentrums. Auf den Bildschirmen 2-8 begrüßt Stephen Harper die Staatsoberhäupter und Regierungschefs der G20-Staaten einer nach dem anderen per Handschlag zum Gala-Dinner. Die Zeremonie auf dem roten Teppisch dauert jetzt schon 90 Minuten. Das ist, ein kurzer Blick auf den Programmablauf bestätigt es, mehr als die Hälfte der Diskussionszeit, welche für den G20 am Samstag insgesamt vorgesehen war. Haben alle Platz genommen, bleiben den Mächtigen (nebst Gattinnen) damit noch exakt eineinhalb Stunden zum gemeinsamen Konferieren - also dem dialogischen Lösen drängendster Weltprobleme.

Was passiert da drin jetzt, im Festsaal? Angenommen, jeder Gast darf in einem Kurzreferat seine Sicht der globalen Lage darlegen. Dann dürfte jedes Referat maximal vier Minuten dauern, wobei zehn Minuten zur gemeinsamen Aussprache blieben.

Der Korrespondent nähert sich einem Punkt, an dem er sich eingestehen muss, den Sinn dieser Veranstaltung kognitiv nicht durchdringen zu können. Er begreift nicht, weshalb solche Gipfel in dieser Form stattfinden. Er begreift nicht, weshalb Journalisten in dieser Form zu solchen Gipfeln mitreisen. Er spürt, wie Zynismus von ihm Besitz ergreift.

Wahrscheinlich hatte er einfach zu viel Zeit zum Nachdenken. Denn es ist jetzt 22 Uhr Ortszeit, Samstagnacht, und seit zwei Stunden wartet er gemeinsam mit vierzig weiteren Vertretern der deutschen Presse vor einem verschlossenen Lagerhallentor. Immer wieder flammen Gerüchte auf, “die Japaner testeten gerade Tor 1 an”. Niemand vermag zu sagen, was das konkret bedeutet. Doch ist so viel seit zwei Stunden klar: Öffnet sich Tor 1 nicht, wird der Bus das Pressenzentrum nicht verlassen können und damit das so genannte Hintergrundgespräch mit der Kanzlerin, tief drin im Bauch des drei Kilometer entfernten Convention Centers, endgültig ausfallen.

Plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, geschieht das Wunder. Die Lagerhalle öffnet sich. Bald auch Tor 1 - kein Japaner, nirgendwo - sowie weitere, immer neue Tore und Ketten auf dem Weg ins Convention Center, wo die Kanzlerin wartet, bei Dämmerlicht und Salzstangen.

Ich will nicht behaupten, es in diesem Raum begriffen zu haben, aber immerhin verließ ich ihn mit einer Ahnung für den unersetzbaren Eigenwert konkreter Begegnungen, sowie der Ahnung, dass es dort, tief drinnen im Bauch des Systems, tatsächlich noch Menschen geben mag, die genügend Kraft aufbringen, der übermächtigen und allzu plausiblen Versuchung eines politischen Zynismus jeden Tag aufs Neue zu widerstehen. Und schließlich der Ahnung, dass es sich bei diesem Menschen, in günstigen Einzelfällen, sogar um die Regierenden selbst handeln könnte.

Wäre es so, hätten diese Gipfel ihren guten Sinn - so widersinnig und grotesk sie von außen auch scheinen mögen.


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Leserkommentare
Ruben Segrodnik (bei Düsseldorf) 06.07.2010
Bei diesen Zipfel-Gipflen wird doch so gut wie gar nichts entschieden. Wenn sich 3 Menschen die zusammen mehr Geld bewegen können als manch ein Staat, sich in ein Hinterzimmer begeben und dann entscheiden, was Sie letzlich machen, dann ist das wesentlich wichtiger als diese Treffen von einem Haufen Schauspieler.
David_ (Berlin) 03.07.2010
Das sind die Realitäten.

1 Milliarde $ (ca.) gegen 200 Demonstranten.

Gegen die Banken wird nichts unternommen.

Die ungestrafte politische Lobby der Banken weiss wie man agiert.

Diese Heuchler. Unglaublich.

Reuters:

"Maulwurf warnte vor Razzia bei Deutscher Bank

Es sollte ein schwerer Schlag gegen einen der größten Steuerbetrügerringe in der Geschichte der Republik werden - doch die Razzia geriet außer Kontrolle. Ein Maulwurf warnte die Verdächtigen offenbar rechtzeitig vor dem Besuch der Fahnder.

München - Diese Panne wird die hessische Justiz noch eine ganze Weile beschäftigen. Mit großer Sorgfalt hatten die Ermittlungsabteilungen die Aktion vorbereitet, alles koordiniert. Strikte Geheimhaltung war das oberste Gebot, schließlich betrafen die Ermittlungen das derzeit größte Wirtschaftsstrafverfahren in Deutschland. Doch angesichts des Umfangs der Razzia war der Kreis der Eingeweihten zwangsläufig recht groß - und am Ende wohl zu groß.

Am 27. April, dem Abend, bevor die Steuerfahnder unter anderem Büros der Deutschen Bank durchsuchen wollten, setzte ein Behördenmitarbeiter eine Warnmeldung ab. Das geht nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" aus abgehörten Telefongesprächen zwischen Angestellten des Finanzinstituts hervor. Mehrere Bankbeschäftigte, gegen die wegen Steuerhinterziehung in großem Stil ermittelt wird, informierten einander demnach an dem Abend über die Razzia.

Aus welcher Sicherheitsbehörde der Hinweis kam, sei bislang nicht bekannt, berichtet die Zeitung weiter. Das hessische Justizministerium bestätigte auf Anfrage, die Justiz habe bereits ein Ermittlungsverfahren wegen möglicher "Verletzung des Dienstgeheimnisses" eingeleitet. Die Deutsche Bank äußerte sich zunächst nicht zu dem Thema.

Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main hatte am 28. April bundesweit 230 Firmen, Banken und Wohnungen durchsuchen lassen, darunter Büros der Deutschen Bank. Ein internationaler Betrügerring, der rund 150 Beschuldigte umfasst, soll beim Handel mit Emissionsrechten, an dem die Bank beteiligt war, Umsatzsteuern hinterzogen haben. Allein bei den Emissionsrechten zum Ausstoß von Kohlendioxid, mit denen die Deutsche Bank gehandelt hat, soll der Fiskus um 160 Millionen Euro betrogen worden sein."
nanna albert (Oststeinbek) 02.07.2010
Ich zitiere:

"...wir stehen vor einem mehrdimensionalen Optimierungs-, nicht vor einem eindimensionalen Maximierungsproblem. Der erste Schritt zu seiner Lösung liegt darin, es als solches zu erkennen". (Nils aus dem Moore) Und ich füge hinzu: auch erkennen zu wollen - dies allerdings ist das wirkliche Problem! Und wir sollen das weiter zulassen?! Ich glaube, nein! Grüße!
David_ (Berlin) 29.06.2010
?00 Banken greifen die Weltbevölkerung an.

200 Demonstranten greifen die "Veranstaltung" der ?00 Banken an.

1 Milliarde $ (ca.) gegen 200 Demonstranten.

Gegen die Banken wird nichts unternommen.

Was sagt uns das?

Mir fehlen die Worte.

Fussball?

Ist mittlerweile auch ein Milliardengeschäft.

Wo liegen die Milliarden? Auf der Bank - wo sonst!

Was machen die Politiker?

Machen die was?

Schützen die nationalen Politiker Ihr Wahlvolk vor den Banken?

Ich würde im Cicero gerne die Namen aller Banken, Ihrer Manager und die an Sie gebundene politische Lobby aufgelistet sehen.

Ist das möglich?

Das wäre mal ein Beitrag.

Dann wüsste ich 100%, wen ich nächstes mal nicht wähle!

FDP unter 4%

Gut so.

.


rehse (münchen) 29.06.2010
Danke für diese Einsichten. 800 Mio. kanad.$ oder US$ oder Euro für die Sicherheit gegen 200 gewaltbereiten Chaoten, die trotzdem HZerstörungen anrichten ??? Sagenhaft kommisch.
Lesergruß rehse
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Wolfram Eilenberger
Wolfram Eilenberger ist Philosoph und Schriftsteller. Er lebt, schreibt und lehrt in Toronto, Kanada.


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