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Gut bewacht: der Bahnhof in Toronto
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25.06.2010
Gipfelstürmer: Willkommen in Toronto!
von Wolfram Eilenberger

Heute startet der G8-Gipfel in Huntsville, der ab Sonntag direkt in den G20-Gipfel in Toronto übergeht. Wolfram Eilenberger ist für Cicero Online vor Ort und bringt täglich Hintergründe und Kuriositäten. Heute beschreibt er die Lage kurz vor dem Gipfel und erklärt, warum die Journalisten buchstäblich in Platons Höhle sitzen. Auf zum Gipfelstürmen!

Zu Teil 2: Die große Zusammenkunft
Zu Teil 3: Deutschland: 0,25 Punkte!
Zu Teil 4: Das Wunder von Toronto


Absolute Sicherheit gibt es nur dort, wo keine Menschen sind. Am Vorabend des G8/G20-Gipfels hat sich das Zentrum Torontos diesem Idealzustand beeindruckend angenähert. Rudel gelangweilter Polizisten blinzeln in schusssicheren Westen dem Sonnenuntergang entgegen - ansonsten keine Menschenseele in den Straßenschluchten der kanadischen Millionenmetropole. Wer sich dem Tagungscenter in der Innenstadt auf Kilometer nähert, wird kontrolliert, befragt, durchsucht. Diese proaktive Kriminalisierung einer gesamten Stadtbevölkerung hat natürlich ihren Preis. Die Kosten zur Sicherung des 72-Stunden-Gipfels belaufen sich auf knapp eine Milliarde Euro.

In Zeiten flüssigster Internet- und Videokommunikation bleiben Fragen nach Sinn und Mehrwert derartiger Gipfeltreffen damit nicht aus. Zumal ein näherer Blick auf den Terminplan erhellt, dass die Staats- und Regierungschefs der acht bzw. 20 wichtigsten Industrienationen der Welt maximal sieben Stunden gemeinsam konferieren werden (90 Minuten davon spielt England gegen Deutschland). Und sollte Normen spendender Konsens das Maß für Erfolg bilden, scheint ein Scheitern des Gipfels bereits im Vorfeld unausweichlich. Zu weit liegen die Lösungsvorschlage der USA und Europa bei zentralen Themenfeldern auseinander. Eine Einigung auf eine gemeinsame Strategie zur Sanierung der jeweiligen Staatsfinanzen wird dieser Gipfel eben sowenig hervorbringen wie ein global verbindliches Regelwerk für die Finanzmärkte. Auch in der Frage, wie und in welchem Ausmaß der Finanzsektor an den Kosten der Krise beteiligt werden sollte, herrscht solider transatlantischer Dissens.

So liegt die schwache Hoffnung einmal mehr ganz auf der Macht des konkreten Gesprächs, jener geheimnisvoll öffnenden Dynamik, die sich nur im direkten Dialog von Angesicht zu Angesicht einzustellen vermag.
Zeilen, die aus dem Pressezentrum des Gipfels geschrieben werden, einer kargen Industriehalle am Rande der Stadt, die 90% der eigens angereisten Journalisten lediglich für den Weg ins Hotel verlassen werden. Die eigentlichen Ereignisse des Gipfels - also das, worüber sie schreiben und berichten - wird den Medienvertretern durch riesige, von der Decke ragende Bildleinwände in mutmaßlicher Echtzeit zugespielt. Eine Situation, die auch ohne philosophische Schulung unmittelbar an die platonische Höhle erinnert, deren Bewohner daran gewöhnt wurden, die Schatten an den Höhlenwänden mit dem wahren Wesen der Dinge zu verwechseln.

Worin auch immer der eigentümliche Sinn konkreter körperlicher Anwesenheit liegen mag, die so genannten Medien profitieren bei Politgipfeln also nicht von ihm. Und gleiches gilt in unserer Zeit auch für die “Menschen da draußen”, denen im Namen der Sicherheit seit Monaten eingeflösst wurde, den Tagungsort unbedingt zu meiden. Im Namen des demokratischen Dialogs gilt nämlich jede öffentliche Zusammenkunft als potentielle Bedrohung. Na dann mal los!


Cicero-Korrespondent Wolfram Eilenberger ist Schriftsteller und Philosoph. Er lebt, lehrt und schreibt in Toronto, Kanada.


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Leserkommentare
Nema () 26.06.2010
Das wäre alles ja ganz lustig - ernsthaft, wer mag denn gute Satire nicht? - , wenn es denn nciht auf Steuerzahlerskosten von statten ginge. Und die kann man weiß Gott besser einsetzen.

Für so einen mittelalterlichen Bauern mag es ein Fluch gewesen sein, wenn der Kaiser auf seinen Gebiet tagte - er würde ihn mit durchfüttern müssen. Für die armen Menschen in ganz Kanada ist der Zustand ähnlich. Und dass alles nur, damit die Landesvertreter während der Picknicktur und in inoffiziellen Gesprächsrunden schonmal Beschlüsse fassen können - jenseits jeder Transparenz und Bürgernähe. Ein ganz, ganz komische Mischung aus Mitleid und Amüsement bemächtigt sich da der gequelten Seele im Zeitalter des spät_sozialismus_. ;-)
David_ (Berlin) 25.06.2010
1 Milliarde für 72 Stunden Sicherung!

14 Millionen pro Stunde Sicherung!

Man hat wohl vor dem Souverän die Hose gestrichen voll. (drastisch - ich weiss)

"Spätrömische Dekadenz" fällt mir dazu nur ein.

Man muss die Heizungskosten bei den "Nicht-Leistungsträgern" streichen.
Ich sehe schon die paar Millionen Menschen in Deutschland an den schwitzenden Scheiben der Bürotürme sich wärmen.

Hoffentlich will da keiner rein!

Dann wären sie aber böse oder vielleicht Kommunisten, dass wäre dann noch schlimmer!

...

Matha, bring sofort die Kinder ins Haus!
Geht nicht Heinz. Da sitzen schon 30 Menschen!
Ruf sofort die Polizei!
Die kann nicht!
Warum?
Die haben gerade einen Grosseinsatz in der Shopping-Mail, Ecke Bankgebäude.

...

Klasse!

Danach sind wir alle schlauer.

Mir wird schlecht!



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Wolfram Eilenberger ist Philosoph und Schriftsteller. Er lebt, schreibt und lehrt in Toronto, Kanada.


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