Sir Alfred und das Fenster zum was? von Josef Girshovich Hitchcock, kennen Sie den? Der neue Tatort macht auf Hommage. Eine alte Frau will einen Mord gesehen haben. Wo? In Berlin. Wie? Durch’s Fenster. Für die Kommissare Ritter und Stark ein klarer Fall, für die Zuschauer ein klarer Abend, meint Tatort-Kolumnist Josef Girshovich. Wenn es nur nicht diese eine Frage gäbe. Das fehlte uns noch, eine Hommage. Wie heißt es doch so schön im Buch der Bücher: Ehre Vater und Mutter. Und das war damals ernst gemeint. Keine Gentechnik, keine Blaupausen, kein Ultraschall. Heute reicht ein Blick in die heimische Videothek, ein kleines Ach-ja-da-er-steht-er-doch und schon weiß ich bescheid: Nee, der ist nicht seiner Eltern Kind. Nee-nee, müsste ich wohl berlinern, mit jenem lang gezogenen, schmalen „e“, das nach Giftpilzen und Tafelessig schmeckt. Der Tatort Hitchcock und Frau Wernicke stammt aus der Zeit des … Aus welcher Zeit stammt der Pfingstmontag-Tatort eigentlich? Wir sehen schicke Wohnungen und möchtegern-alte Hinterhöfe, Trümmerfrauen und Frauentrümmer, und dann muss ich mich fragen: Ist das Berlin? Die letzte Trümmerfrau, heißt es da in meiner Broschüre, und alle haben das PC-Zitat übernommen. Dabei ist Frau Wernicke alles andere als ein harmloser Vogel. Nächster Clou: Wernickes Kanarienvogel. Und das weckt Erinnerungen. In dem grandiosen Spielfilm (sofort ausleihen und bis Pfingstmontag gesehen haben) Das Privatleben des Sherlock Holmes von Billy Wilder werden beständig Kanarienvögel nach Schottland geliefert. Die Sache ist klar: Wo Kanarienvögel leben, gibt es frische Luft. Aber gilt das auch für die Wohnung von Frau Wernicke? Schnitt, besser: Sprung – über den Hof. Sind wir nicht alle ein bisschen Weinhändler? Der Schriftsteller von nebenan veranstaltet monatlich Weinproben, die nette Dame über mir vertreibt Jung-Schwaben, und der alternde Mitbewohner schenkt auf der Fusion Kaffee aus. In Berlin sind alle Weinhändler. Wie Benkelmann (Hans-Jochen Wagner), der Nachbar von gegenüber. Aber was Weinhändler, wenn wir Hans-Jochen Wagner haben. Ich finde seinen Blick sympathisch: treu und bieder, oder sollte ich sagen: zu treu, zu bieder? Andere erinnert Wagner an die eigene Vergangenheit, mich leider nur an den Tatort von vor vier Wochen (Blutgeld). Es gibt Situationen, da muss jeder gestehen: Ausweg? Gibt es nicht. In Hitchcock und Frau Wernicke, jetzt muss ich es erwähnen, spielen noch ein paar andere mit. Sie tun so, als seien sie Komparsen, verstecken sich und tuscheln leise hinter den Gardinen. Aber da sind sie: die Freundin, der Zivi und die Krankenpflegerin. Als nächste Generation sind sie zunächst weder verdächtig noch aufregend, in ihrem jugendlichen Charme attraktiv und als Schauspieler – zumindest eines Fernsehspiels würdig. Das Genre, so lernte ich es einmal, gibt den Ton an. Diesmal heißt es durchweg Kammerspiel. In kleinen Räumen gedreht, mit wenig wechselndem Setting und schwieriger Kameraführung (Ralph Netzer) – da fragt sich’s schon, was das Ganze soll … Bis es sich plötzlich offenbart, und es heißt: Ehre deinen Vater und deine Mutter. Hitchcock soll einmal einen Film unter dem seltsamen Titel Fenster zum Hof gedreht haben. Aber was Grace Kelly und James Stewart mit den Berliner Kommissaren gemeinsam haben sollen, bleibt uns auch beim Abspann ein Rätsel. Wir freuen uns auf den Tatort aus Berlin, Pfingstmontag im Ersten um 20:15. Foto: ARD |
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