Cicero Startseite | RSS-Feed | Facebook | Twitter | Kontakt | Abo | Als Startseite festlegen
 Anzeige
druckenIhre MeinungArtikel versenden
© Tobias Everke / Suhrkamp Verlag
zoom
05.06.2010
„In Pakistan lässt sich alles arrangieren
Interview mit Daniyal Mueenuddin

Daniyal Mueenuddins Debüt und Pulitzer-Preis-Finalist „Andere Räume, andere Träume“ führt den Leser durch acht subtil verwobene Geschichten aus dem Umfeld eines pakistanischen Landbesitzers. Cicero Online sprach mit dem Autor über Glück, Zufall und Korruption.

Sie sind einer der ersten pakistanischen Autoren, die international Aufmerksamkeit erlangen, warum?
Das Auge der Welt ruht auf uns als Ursprung des Bösen. Die Menschen interessieren sich erst seit Kurzem für Pakistan, jetzt wollen sie verstehen, wie dieses Land funktioniert, das schließt Literatur natürlich ein. Über die Städte können Sie viel lesen, aber es gab bisher noch niemanden, der sich über das Leben auf dem Land geäußert hat.

Wie unterscheiden sich diese beiden Lebensformen?
Ich schreibe über das, was ich dort erlebt habe. Es geht nicht um Repräsentativität, sondern um meine Erfahrungen.

Also sind Ihre Geschichten wahr?
Sie haben zumindest immer einen wahren Kern.

Das Glück der Menschen scheint nie von Dauer zu sein. Gibt es in Ihrem Buch nur Verlierer?
Mit dieser Interpretation bin ich nicht einverstanden. Es gibt Figuren, die bis zu einem gewissen Grad glücklich werden. Sie erleiden Rückschläge, aber haben Momente, in denen sie erreichen, was sie wollen. Zum Beispiel verliert Rezak seine Frau, gerät dann unter Verdacht und wird misshandelt, aber am Ende bekommt er das Grab, das er sich gewünscht hat. Ich mag Pessimist sein, aber ich glaube, dass das Leben einen niemals uneingeschränkt glücklich macht. Außerdem wusste schon Tolstoi, dass man über Konflikte schreiben soll und das bedeutet, dass es immer auch ein paar gebrochene Knochen geben muss. (lacht)

Welche Rolle spielt der Zufall?
Er ist substantiell. Persönlich finde ich, dass das Leben von einer Unmenge an Koinzidenzen gestaltet wird und daher lasse ich sie in meinen Geschichten eine ebenso große Rolle spielen wie im Leben selbst.

„In Pakistan lässt sich alles arrangieren“, wie meinen Sie das?
Pakistan ist ein Ort, an dem staatliche Systeme nicht funktionieren. Worauf es ankommt, sind Beziehungen. Probleme werden durch persönliche Kontakte gelöst, nicht durch systemische Zusammenhänge. Wenn Sie in Deutschland eine Firma öffnen wollen, gehen sie zu einer Behörde und zur Nächsten und dann - soweit ich weiß – zu mindestens noch einer, bis sie die Genehmigung erhalten. Das ist nicht optimal, aber in Pakistan machen Sie erst einmal den Schwager des zuständigen Beamten ausfindig, indem sie den Cousin seiner Frau kennenlernen, der hoffentlich mit Ihrem Bruder zur Schule gegangen ist. Und dann können Sie irgendwann nach extrem korrupten Verhandlungen Ihr Geschäft eröffnen.

Würden Sie sagen, dass das gesellschaftlich akzeptiert ist?
Ja, denn Pakistan ist eines der korruptesten Länder der Welt. Je korrupter ein System ist, desto größer die Notwendigkeit, daran teilzunehmen. Man hat keine Wahl.

Worin sehen Sie persönlich die Ursachen?
Das ist komplex. Ich denke, es ist größtenteils historisch bedingt. Durch die Kolonialisierung wurden Herrschaftssysteme einfach auferlegt, sie konnten sich nicht organisch entwickeln wie in anderen Ländern und Wurzeln fassen. Diese Phasen haben viele Länder durchlaufen, man denke an England im 17. Jahrhundert. Vielleicht ist Pakistan noch in dieser frühen Phase. Aber das ist nur eine persönliche Vermutung.

Auch die Polizei tritt bei Ihnen nicht als Freund der Menschen auf – im Gegenteil.
Dieser Schluss resultiert aus meinen Beobachtungen. Ich bin zum Glück kein Experte, was die Polizei anbelangt, aber jedes Mal, wenn ich mit ihr in Berührung kam trat sie extrem willkürlich und korrupt auf, sie schlug sich stets auf die Seite der Machthaber. Ich glaube, das wird Ihnen so jeder bestätigen.

Haben Sie Hoffnung auf Veränderung?
Momentan könnte die wohl nur der Allmächtige selbst bringen.

Warum gelingt es den Frauen, von denen Sie erzählen, nicht, tugendhaft zu sein?
Es gibt zwei Fälle: Zum einen beschreibe ich einige Frauen, die sich in finanziell motivierte Liebesbeziehungen begeben, weil das weibliche Geschlecht in Pakistan generell sehr wenig zu sagen hat. Sie können auf ihr Leben im Grunde nur Einfluss nehmen, indem sie sich einen Mann suchen. Wie Sie in dem Buch sehen, ist dieses Glück sehr abhängig. Ist der Mann weg, verliert die Frau alles. Durch die begrenzten Optionen und die Abhängigkeit liegt es in der Natur der Sache, dass die Frauen in meinen Geschichten eher scheitern als in einem Land wie Deutschland oder den USA, wo man Herr seines Schicksals ist.

Warum nehmen viele Ihrer Figuren Drogen?
Wenn man sich umsieht, ist es ein Teil des Lebens. Menschen wollen der Realität entfliehen, Menschen wollen sich selbst vergiften. Das gibt es doch überall.

Sie haben lange in den USA gelebt, warum sind Sie nach Pakistan zurückgekehrt?
Mein Geschäft brauchte mich und meine Familie ist dort. Ich habe die Freiheit in den USA genossen, denn man kann sich dort besser verwirklichen. In Pakistan hingegen gibt es zu viele Konventionen und Einschränkungen. Dennoch ist und bleibt es meine Heimat.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Jessica Vanscheidt

DANIYAL MUEENUDDIN: „Andere Räume, andere Träume“. Suhrkamp 2010. 289 Seiten, 19,90 Euro.


Cicero Online exklusiv

Aktuelle Ausgabe 09/2010
» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
Ihr Name  
Ihr Wohnort  
Ihre eMail  
Ihr Kommentar  
    senden
druckenIhre MeinungArtikel versenden
Anzeige
 
Cicero-Sammelschuber - Jetzt bestellen!
RSS Feed
Abonnieren Sie Netzstücke als RSS-Feed
abonnieren

randnotiz
Online exklusiv
Aktuelle Ausgabe 09/2010
» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Gratis Probeheft

Daniyal Mueenuddin


"Welch boshafte Frage!"
mehr lesen
Stimmen des Schmerzes
mehr lesen
Tschernobyl ist jetzt
mehr lesen
Debatte
Warme Worte
mehr lesen
Mama, hilf!
mehr lesen
Weltbühne
„Die Kontrolle Irans geht weiter“
mehr lesen
Stimmen des Schmerzes
mehr lesen
Berliner Republik
Kultur ohne Hüter
mehr lesen
Tschernobyl ist jetzt
mehr lesen
Kapital
Die Politik fördert die Altersarmut
mehr lesen
Ein Computer mit vier Rädern
mehr lesen
Politsche Videos
Die alte Tante ist K.O.
Video anschauen
Barack Obama schwört den Amtseid und hält die Antrittsrede
Video anschauen
Salon
"Welch boshafte Frage!"
mehr lesen
Meschugge in Manhattan
mehr lesen
Leinwand
"Ich liebe die Stille"
mehr lesen
Banale, gelbe Bilder
mehr lesen
Bibliothek
Hilfe, die Aliens kommen!
mehr lesen
Der koschere Knigge VII: Rassenlehre
mehr lesen

 Magazin Cicero
Die aktuelle Printausgabe

Inhalt
Abonnement

 Service
Newsletter
abonnieren

anmelden

 Medien im Blick
Die tägliche
Presse-
Rundschau

weiter

nach oben