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Die Berliner Ringbahn
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16.05.2010
Deutschlands wahres Datenschutz-Desaster: der ÖPNV
von Gideon Böss

Private Daten sind in Deutschland nicht mehr gut genug geschützt, gerade in sozialen Netzwerken wie Facebook wird Datenschutz mit Füßen getreten, so die landläufige Meinung. Alles harmlos im Vergleich zum öffentlichen Nahverkehr meint Gideon Böss. Protokoll einer Fahrt mit der "Berliner Ringbahn".

Es gilt mittlerweile als ausgemacht, dass im Internet mit persönlichen Daten schlecht umgegangen wird. Aber stimmt das tatsächlich? Ich glaube es nicht und zwar deswegen, weil ich sowohl Facebook-Nutzer bin als auch eine Monatskarte für den Berliner Nahverkehr besitze. Meine These ist, dass nicht bei Facebook die persönlichsten Informationen verbreitet werden, sondern in Bahnen und Zügen. Um das zu überprüfen, entschloss ich mich zum Praxistest. Berlin besitzt eine Ringbahn, die in sechzig Minuten einmal um die Stadt herum fährt. Um 18.00 Uhr stieg ich an der Prenzlauer Allee zu, gespannt darauf, was ich alles in der kommenden Stunde ungefragt erfahren würde:

Es ist sehr voll, Leute fahren in den Feierabend, Stimmengewirr. Ich muss stehen, ein älterer Mann wird auf dem Handy angerufen. Als er keine zwei Minuten später wieder auflegt, weiß ich nicht nur, dass er morgen in den Urlaub nach Tunesien fliegt und wegen einer Auslieferungspanne den von ihm bestellten Fernseher davor nicht mehr in Empfang nehmen kann, sondern auch, dass er auf solche kleineren und größeren Pannen des Alltags mit der Würde eines geborenen Cholerikers reagiert.

Zum Glück leert sich die S-Bahn bald darauf und ich bekomme einen Sitzplatz am Fenster. Mir gegenüber betrachten zwei Jugendliche in stumpfer Faszination ihre Handys. Plötzlich klingelt eines der beiden. Ohne sich mit Begrüßungsfloskeln aufzuhalten, legt der Angerufene los. „Tut mir voll leid, dass ich dich angeschrien habe gestern. Aber ich hatte total Stress schon den ganzen Tag“, schreit er hemmungslos seine Beziehungskrise in den nicht mehr ganz so vollen Waggon hinein. Er wird auch nicht mehr leiser. „Dann lass uns treffen, in drei Stunden am Hermannplatz?“ Er legt auf, gewährt aber weitere Einblicke in sein Privatleben. „Die haben den Achmed verprügelt, 50 Mann!“ Sein Freund schaut ihn skeptisch an, „50?“
„Ja, 50. Aber jetzt rächen wir uns an denen, bis du dabei?“
Der schmächtige Freund, der sich offenbar schon in sehr jungen Jahren mit dem Nischendasein als treuer Begleiters und staunender Zuhörers abgefunden hat, zuckt zusammen. In Neukölln steigen sie aus. Dafür betritt irgendwo ein Musik-Fan die S-Bahn. Ich kann ihn nicht sehen, aber hören. Er hält viel von Bushido. Ohne Not stellt er diese Information in die Öffentlichkeit. Persönliche Daten, penetrant verbreitet. An der Haltestelle Tempelhof steigt er aus. Danach wird es sehr leise in der S-Bahn. Außer mir sitzen nur noch vier andere im Waggon. Wir rauschen still am ehemaligen Flughafengelände vorbei. Niemand redet, jeder reiste für sich. Eine Atmosphäre, die in Facebook-Maßstäben an die Zeit zwischen 04.30 – 05.00 Uhr erinnert. Kein Freund ist mehr online, man ist alleine mit sich, seinen Gedanken und Daten.

Das ändert sich um 18.27 Uhr, als in Schöneberg ein Arbeiter im Blaumann zusteigt. „So ganz aus ist es noch nicht, nein, die Helga ist eine nette. Fünf Jahre sind doch aber auch eine Zeit, da geht das nicht von heut auf morgen.“ Bettgeschichten plaudernd, sucht er sich einen der vielen freien Plätze und macht nicht den Eindruck, etwas verbergen zu wollen. „Jetzt fahr ich nach Rudow zur Claudia.“ Umständlich versucht er sich an einer Erklärung, was an Claudia nun besser ist als an Helga. Seine Beschreibungen klingen so austauschbar, dass nie klar ist, welche seiner beiden Freundinnen er gerade meint. Dafür steigt am Heidelberger Platz eine telefonierende Frau dazu, die ebenfalls sehr gerne ihr Privatleben in der S-Bahn ausbreiten will. „Die Erkältung ist blöd, aber vielleicht nehm ich dadurch endlich ab, die fünf, sechs Kilo sollten schon runter. Wohl fühl ich mich nicht.“ Die Stimmen der beiden oralen Exhibitionisten konkurrieren miteinander um die Vorherrschaft. Krächzende Erkältungsstimme gegen Bier- und Zigarettenstimme. Der Arbeiter opferte jetzt seinen besten Freund, den Marcel, auf dem Altar der Öffentlichkeit. „Der schaut auch nicht nur seine Frau an, wenn du verstehst, aber das weiß keiner außer mir, das hat er nur mir erzählt und das soll auch ein Geheimnis bleiben.“ Die telefonierende Frau stellt derweil ihren Freund bloß. „Ich weiß doch gar nicht, ob ich ihn wirklich liebe, da kommt mir so ein Angebot zu früh.“ Um 18.38 steigt der Arbeiter am Westkreuz aus. Man hört noch, „bei der Helga zieh ich aus, 500 Euro sind zu viel“, dann ist er verschwunden.

Ab der Haltestelle Gesundbrunnen beginnen zwei Frauen damit, ihr Privatleben in der Öffentlichkeit auszustellen. Glücklich lässt die eine verlauten, dass sie morgen zum Glück nicht um 07.00 Uhr aufstehen muss, weil „doch um neun Frauenarzt ist und wie soll ich davor noch zur Arbeit gehen, lohnt sich doch gar nicht. Ich glaub aber nicht, dass was ist, war ja auch das letzte Mal nichts.“
Ihre Freundin erinnert das ganze an eigene Erlebnisse. „Weißt du noch, als ich dachte, dass ich vom Ulf schwanger bin und deswegen auch beim Arzt war?“ Kichernd folgt darauf die nächste Doktoranekdote, die ich aber nicht mehr höre, weil wir wieder an der Prenzlauer Allee angekommen sind. Dort steige ich aus, um einige intime Informationen über völlig fremde Personen reicher. Kurz darauf sitze ich vor dem Computer und sehe nach, was es Neues auf Facebook gibt. Nichts besonderes, ein Hund wurde sterilisiert, irgendwer findet den heutigen Tag „so lala“, andere zeigen Fotos vom USA-Urlaub und zwei meiner Freunde haben neue Freundschaften bestätigt. Nirgendwo schreibt jemand über Seitensprünge, über Liebeszweifel, über anstehende Schlägereien und Frauenarztbesuche. Verglichen mit der richtigen Welt ist das Internet ein ganz schön verklemmter Ort.


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Leserkommentare
AndreR (aus 'm Ländle) 30.05.2010
Ich glaube, einige verkennen hier die Bedeutung des Artikels… Sicher, zunächst einmal wirkt es unbedeutend. Aber im Hinblick auf die zunehmende Kameraüberwachung in Fahrzeugen des ÖPNV könnte das Ganze in Zukunft tatsächlich zum ernstzunehmenden Datenschutzproblem werden. Bestimmt ist die Auswertung zeitwufwändiger aber in Anbetracht der preisgegebenen Informationen könnte sich das auf Dauer sicher lohnen, Ton- und Bildmitschnitte aus Bussen und Trams auszuwerten.
elke () 26.05.2010
fail!
Einfach nochmal nachlesen was Datenschutz bedeutet!
m (wien) 20.05.2010
interessanter gedanke.
ich muss mich jedoch florian (münster) anschliessen. der tatsächlich relevante unterschied zwischen "oralen exhibitionisten" und facebookusern ist sicherlich a) die speicherung der daten sowie b) die anonymität im öffentlichen kontext (daten stehen ja ohne bezug zu einer spezifischen person (namen) zur verfügung.

auch halte ich eine von softwareentwicklern kürzlich vorgestellte schnittstelle, zur verknüpfung einer gesichtserkennungssoftware mit facebook im sinne einer "augmented reality" auf dem smartphone für sehr bedenklich.
Dear_Doosie (Leipzig) 19.05.2010
"Oraler Exhibitionismus" - danke für diesen Satz! Ich lasse immer freundlich grüßen, wenn Mitmenschen die Straßenbahn mit einer Telefonzelle (dort wurde früher öffentlich ferngesprochen) verwechselt.
Florian (Münster) 18.05.2010
Guten Tag, Herr Böss, ich glaube, sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Natürlich ist es bedenklich, was Menschen per Handy in der Öffentlichkeit preisgeben. Aber eine Speichermöglichkeit besteht im Gegensatz zu sozialen Netzwerken nicht. Andererseits wird auch niemand zu oralem Exhibtionismus gezwungen; wer es über Handy oder aber über ein SNS tut, ist selbst Schuld. Dennoch muss auch ein Anbieter wie Facebook Datenschutzregeln achten, so, wie ich es auch von meinem Mobilfunkanbieter erwarte. Nur vom ÖPNV würde ich es nie erwarten, das wäre vermessen.

Grüße,
Florian Schröder
Flo (München) 18.05.2010
@ Enno (Berlin)

Vielen Dank. Ich stimme Ihnen in allen Punkten zu.

Beste Grüße aus dem Süden
Stefan () 18.05.2010
Schade, ich habe wegen der Überschrift den Artikel angeklickt im Glauben, dass es ein ernsthaftes Datenschutzproblem im ÖPNV gäbe...
Ein echtes Problem sehe ich übrigens nicht, da die Größe einer Stadt wie Berlin ausreichend Schutz bietet. Wenn ich bei mir zu Hause auf dem Dorf so mit dem Handy telefonieren würde, sähe das Ganze schon wieder anders aus.
colorcraze () 16.05.2010
jaja, sehr launig, und eine hübsche Ausführung des mal von einem Schweizer getätigten Satzes, wenn man wissen wolle, was in der Schweiz los sei, müsse man nur morgens zwischen 7 und 9 im Zug zwischen Zürich und Bern sitzen. Aber ich schließe mich den anderen an, es ist etwas anderes, wie Facebook zuordenbare Namens- und Adressdaten zu haben. Das hat man im Zug nicht.
Hans G. Beck (07743 Jena) 16.05.2010
Da ereifert man sich über Google Streetview und niemand "realisiert" die Informationsflut über die Handys.
Man braucht gar keine Wanzen, ein Handy ist ja so harmlos!
Enno (Berlin) 16.05.2010
Was für ein alberner Artikel. Auch wenn das ganze wohl eine verunglückte Satire darstellt: Momentaufnahmen, nirgends schriftlich fixiert, nirgends gespeichert sind mit Facebook und Vorratsdatenspeicherung auch nur annähernd vergleichbar. Oder Können Sie diese Kommunikationsfetzen nachträglich abrufen? Und sich gleich Adresse, Alter usw. der Person anzeigen lassen? Sie im Kontext weiterer Äußerungen betrachten? Eben.
Sam (Munich) 16.05.2010
es war schon nach dem abstract ersichtlich auf was gideon böss hinaus will.
die große errungenschaft des internets war die anonymität, eine errungenschaft die der öpnv nie für sich in anspruch genommen hat.
sowohl auf facebook als auch in der öffentlichkeit wird keiner dazu gezwungen seine daten preis zu geben. es wird auch keiner dazu gezwungen sich überhaupt zu beteiligen. letzteres kommt wohl für kaum einen in frage und es drängt sich der unterschied zwischen social community und öffentlichem leben im realen alltag schon auf: hinter dem lauschen und beobachten einer einzelperson die von neugierde, voyeurismus oder den sachzwängen die einem frei schaffendem journalisten so aufgenötigt werden getrieben sind steckt kein system nach dessen logik unsere existenz auch noch restlos der permanenten wertverwertung unterworfen werden muss.
dieser artikel selbst ist facebook ähnlicher als jeder perverse spanner der einem exibitionistem in der ubahn gegenübersitzt, denn er schafft es ebenfalls die unbedacht preisgegebenen informationen zu verwerten.
Sikk () 16.05.2010
Sehr schöne Beobachtung, dass wir auch in der Öffentlichkeit aufpassen sollten, was wir so von uns geben, gerade mit den mobilen Telefonen achtet man nicht wirklich auf seine Umgebung.
Aaaber: Wir wissen zwar nun über Freundinnen, Frauenarztbesuche und Urlaubspläne Bescheid, haben sogar ein paar Vornamen erfahren, wissen jedoch nicht im geringsten, um wen es sich bei den beschriebenen Personen handelt. Die sind anonym unterwegs, müssen sich nicht ausweisen und wenn wir diejenigen nicht zufällig kennen, bleiben sie auch anonym.
Im Gegensatz dazu wird für diesen Kommentarbeitrag mein Name, Wohnort und eMail-Adresse abgefragt (glücklicherweise nicht obligatorisch). Aber man muss auch Javascript aktivieren.
Ich stelle also fest, dass man in der Berliner Ringbahn anonymer unterwegs sein kann als auf Cicero.de ;-)
Meyer (Hamburg) 16.05.2010
Offenbar hat Herr Böse die Problematik noch nicht so richtig verstanden, anders als bei dem S-Bahnversuch können Daten im Netz gezielt erhoben (und nicht zufällig aufgeschnappt) werden und was noch sehr viel wesentlicher ist zu Profilen zusammengefasst werden. Würden sich die Personen in der Bahn ebenso verhalten wenn sie wüssten, dass sie bei jeder ihrer Fahrten von Herrn Böse belauscht würden und ihnen bewusst wäre, dass die preisgegebenen Informationen ihnen unkontrollierbar abhanden kommen und etwa an die Werbeindustrie, potentielle Arbeitgeber, ihre Krankenkasse (oder in einen Cicero-Artikel) geraten?
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Gideon Böss
Gideon Böss lebt als freier Journalist in Berlin und bloggt regelmäßig für DIE WELT.


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