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14.05.2010
Der Fluch von Manta, Manta
von Josef Girshovich

Zu viel Klamauk, zu wenig Krimi. Fluch der Mumie ist ein abschreckendes Beispiel für den Tatort. Jan Josef Liefers und Axel Prahl haben Humor auf Manta, Manta-Niveau nicht verdient. Der Tote – eine Mumie, die Verdächtigen – gealterte Harte Jungs. Wohin nur steuert der Tatort aus Münster?

Ich fand, so gestehe ich, Harte Jungs, diesen simplen Klamauk über pubertierende Knaben aus dem Jahr 2000, recht unterhaltsam. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass der Hauptdarsteller, Tobias Schenke, im selben Jahr geboren wurde wie ich. Mir war damals relativ gleichgültig, ob die Schauspieler ihre Kunst beherrschten. Was zählte, war das Amüsement, der schale Humor, der lächerliche Versuch des deutschen Kinos, auch ein Stück American Pie abzubekommen. Wir lachten, nein: wir grölten, klopften uns auf Schenkel und Schulter und gingen nach dem Film in die Disco.

Zehn Jahre später treffen wir Tobias Schenke wieder. Er spielt im Tatort aus Münster mit: soeben aus dem Knast entlassen, wendet er sich alias Andreas Lechner mangels festem Wohnsitz an seine Brieffreundin. Lechner will arbeiten, den rechten Weg einschlagen. Vielleicht liegt es daran, dass die Kameraeinstellungen (Achim Poulheim) Schenke absichtlich größer wirken lassen; vielleicht liegt es am Vergleichsmoment – seine Brieffreundin, bei der er auch Unterschlupf findet, ist eher kleinwüchsig (ChrisTine Urspruch); vielleicht aber liegt es auch an der schnöden Mittelmäßigkeit des Klamauks, zu dem sich Schenke hat breitschlagen lassen. Ich finde weder ihn noch Den Fluch der Mumie unterhaltsam.

Axel Prahl und Jan Josef Liefers ermitteln nicht in Münster; sie sind Münster. Wo vor einem halben Jahrtausend Zion ausgerufen wurde, wo Täufer und Wiedertäufer herumliefen, lebt heute das Ehepaar Thiel-Börne. Platonisch, gewiss, und doch durch Hassliebe geprägt. Je mehr Morde die scheinbaren Hobbyermittler aufklären, desto weniger hat das mit Tatort zu tun. Nur ein Moment aus der Mumie: Eine kurze Verfolgungsjagd durch die Innenstadt – rückwärts, vorwärts, rückwärts, und dazu leidlich-schmerzlich, fremd-schämend bis peinlich berührende – bin ich das, der hier vor dem Fernseher sitzt?! – Western-Musik, die die große Hetz des Lucky Look mimen soll.

Schenke, Alberich, die Slapstick-Einlagen Thiels und Börnes, deren Hauptbeschäftigung weniger der Mord als das abgedrehte Wasser im Haus ist, sind die positiven Bestandteile im neuen Münsteraner Tatort. Und obwohl ich versprochen habe, nicht schon wieder Kritik am Drehbuch zu üben, kann ich nicht anders. Mit Der Fluch der Mumie haben die für die Story verantwortlich zeichnenden Stefan Cantz und Jan Hinter schlicht Serie und Sender verwechselt. Das kann passieren. Cantz hat zwar auch Erfahrung als Tatort-Drehbuchautor, seine wichtigsten Filme waren aber Manta, Manta und Go Trabbi go. Das sieht man.

Warum nur geht mir das Wort konstruiert nicht aus dem Sinn? Wenn ich an Fluch der Mumie etwas loben wollte, dann den Überfluss an Geschichte. Mehrere Tatorte hätte Regisseur Kaspar Heidelbach daraus machen können und sollen. Dann wäre die Geschichte zwar nicht realistischer, aber wenigstens kein Westfälisches Dorfgetrampel mehr. Mumie, Gefängnis I und Gefängnis II eigneten sich durchaus für zwei Melodrame und eine Komödie, für eine Gesellschaftskritik und mindestens drei Tatorte. Bei Zuppa Monsterana verging mir indes leider das Lachen. Wir freuen uns auf den Tatort aus Münster: Sonntag, 16. Mai 2010, 20:15 im Ersten.

Bild: ARD


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Leserkommentare
SEK (Meerbusch) 17.05.2010
Ugüschma hat Recht. Auch ich habe endlich mal wieder einen Tatort bis zum Schluss angesehen. Man möchte auch mal Spass und nicht nur Tragik haben
Francois Weiss (Grignan) 17.05.2010
Fersehen soll unterhalten, damit meine ich nich Peter Bohlen und Heidi Klumm, die man eher den Papierkorb des Bilschirms zuordnen möchte.
Dier Tatort war unterhaltsam, und um Längen besser als die pseudo sozial Kritiken, die seit dem Abgang von Götz George ins leere laufen und nur die Schäbigkeit übermitteln.
Weiter so !
Jürgen Honig (Tyresö / Schweden) 17.05.2010

Endlich mal wieder ein Girshovich! Und er hat Recht.
Ja, mit einem Artikel aus „Dat Kölsche Jrundjesetz“ fragte man sich gestern Abend nach der Sendung „Wat sull dä Quatsch?“ In Bayern hätte dieser Firlefanz ja noch im Komödiantenstadl durchgehen können. Wen wundert es da, dass Krimis aus Großbritannien und Schweden weitaus spannender, weil seriöser sind. Naja, es gibt zum Glück auch Off-Münster-Tatorte. Letzthin haben die Rostocker Kollegen gezeigt, wie auch ohne Kaspertheater ein guter Tatort entstehen kann.
Und apropos sachliche Plausibilität: Da zanken sich der Welt-Archäologe und der Groß-Forensiker um die Mumie, sie schieben das Relikt in die Kernspinröhre, entdecken einen Schusskanal, doch keiner kommt auf die Idee, eine Altersbestimmung vorzunehmen. Aber dann wäre der ganze Plot auch schlapp in sich zusammengefallen. Wie einfältig können Drehbuchautoren sein?

Jürgen Honig
Tyresö / Schweden


Josef Girshovich (Berlin) 17.05.2010
Mea culpa. Der belgische Comic-Cowboy heißt natürlich Luke mit Nachnamen. Vielen Dank.
UGüSchma (Merseburg) 17.05.2010
Jener Tatort war endlich mal wieder einer, der sich nicht mit toten oder missbrauchten oder gewaltätigen Kindern befasste, wie es in den letzten Wochen der Fall. Ich musste nach einer Viertelstunde meist ausschalten, weil ich die Szenerie und die Inhalte nicht etragen konnte. Liefers und Prahl glänzten in ihren Rollen. Ich lachte schallend und fand die Handlung obendrein noch sehr spannend!
Jan (Mayer) 16.05.2010
Gut und schön, aber wer ist denn Lucky Look?
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Josef Girshovich
Josef Girshovich, geboren in Hannover, studierte Literaturwissenschaften und Jura in Tübingen und an der Brown University (Providence, RI). Er beschäftigt sich mit der Idee des Kosmopolitismus und lebt in Berlin.


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