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Unverbesserliche Romantiker
von Hasso Spode

Millionen von Menschen setzen alljährlich beträchtliche Mittel ein, um ihrem Alltag zu entkommen und an andere Orte zu gelangen – doch der Nutzen bleibt diffus. Ein Professor für Tourismusgeschichte erklärt, warum wir trotzdem immer wieder auf Reisen gehen.

Schon immer waren Menschen unterwegs. Und stets hatten sie dafür gute Gründe. Heute ist das anders. Wir sind Touristen. Wir reisen ungleich mehr als die Menschen vergangener Epochen, doch wir wissen eigentlich nicht, warum wir das tun.

Seit den Anfängen der Tourismuswissenschaft – 1929 wurde in Berlin ein „Forschungsinstitut für den Fremdenverkehr“ gegründet – spekuliert man daher, ob der Tourismus Ausdruck einer in nomadischer Urzeit erworbenen genetischen Disposition sei und ob diese nun, da der touristischen Reise die handfesten Motive fehlen, quasi leerlaufe. Natürlich sind solcherlei Triebtheorien einfältig. Mit den Genen hat das Reisen nichts zu tun. Es ist etwas kulturell Gewordenes, etwas, das erst in der Moderne entstanden ist.

Bemerkenswert ist die eigentümliche Zweckfreiheit der touristischen Reise trotz alledem. Heutige Umfragen listen ganz unterschiedliche Motivationen dafür auf – „Ruhe“ und „Natur“ versus „Spaß“ und „Aktivität“ – und entlarven das „Warum?“ als eine beliebig füllbare Leerstelle. Dass Millionen von Menschen alljährlich beträchtliche Mittel für etwas einsetzen, dessen Nutzen so diffus bleibt, liegt vor allem am psychologischen Antrieb. Der Tourismus ist Ausdruck und Folge einer bestimmten Mentalität.

Diese Mentalität wird erstmals in den schmalen Oberschichten des 18. Jahrhunderts greifbar.

Der Hauptzweck der Reise hatte bis zu diesem Zeitpunkt im Geschäftlichen und Materiellen bestanden. Nun sollten immaterielle Güter wie das Seelenheil, die Gesundheit oder das Wissen auf Reisen erworben werden. Das Pilgerwesen und die Bäderreisen nahmen einen Aufschwung, junge Adlige führte die „Grand Tour“ nach Versailles und Rom, und Gelehrte und Poeten unternahmen Bildungsreisen nach Italien.

Erst im bürgerlichen 19. Jahrhundert entstand die Form des Reisens, die wir heute Tourismus nennen. Der Tourismus vereinte Elemente all jener Reiseformen der Oberschicht und machte daraus ein eigenes, psychologisches Ensemble, das sich als erstaunlich langlebig erweisen sollte. Der Reise wurde ein „vernünftig“ wirkender Beweggrund unterlegt: Vor allem die Idee der „Erholung“ rechtfertigte von nun an den mit ihr verbundenen Aufwand an Zeit und Geld.

Ideengeschichtlich ist der Tourismus aus einem Zusammenspiel von Aufklärung und Romantik entstanden. Eine Reihe von Entwicklungssträngen gipfelte schon im 18. Jahrhundert in der viel diskutierten Idee des „Fortschritts“ – einer Idee, die auch das Leben des 19. und 20. Jahrhunderts grundlegend bestimmen sollte. Der Fortschrittsgedanke sorgte dafür, dass die Dinge nicht länger nach ihren sinnlichen Qualitäten kategorisiert wurden, sondern nach ihrem Entwicklungsstand. Dieser offenbarte sich erst unter dem wissenschaftlichen Seziermesser. Das betraf nicht nur Botanik und Zoologie, auch ganze Kulturen, Länder und Regionen wurden diesem Schema unterworfen.

Nicht der Meilenstein, sondern der Stand des „Fortschritts“ wurde nun zum entscheidenden Entfernungsmesser. Berge und Meeresküsten – jahrtausendelang als „grässliche Einöde“ gemiedene Un-Orte – galten plötzlich als „romantisch“ und „erhaben“ und wurden begeistert aufgesucht. Das Reisen bedeutete von nun an, sich auch zwischen den Räumen des Heute und des Gestern zu bewegen, und in gewisser Hinsicht unternahm der Tourist Zeitreisen in die eigene Vergangenheit, Reisen in eine „natürlichere“ oder „authentischere“ Welt. Seine Ziele waren, anders als die des Bildungsreisenden, nicht die Kern-, sondern die Randzonen des Fortschritts: das Jugendlich-Natürliche, das vermeintlich Echte und Freie, das Noch-nicht-Domestizierte. Das Authentische, das der Tourist zu sehen meinte, war natürlich eher eine Projektion seiner eigenen Befindlichkeit. Mit seiner Imagination richtete er sich die Räume, die er besuchte, romantisch zu.

Heute sind wir alle Touristen. Selbst dann, wenn wir im Zuge von Massenreisen und Luxusressortkult am Urlaubsort mit Macht wieder von der Zivilisation eingeholt werden, der wir eigentlich entfliehen wollten. Und seltsamerweise auch dann, wenn wir gar nicht verreisen. Denn wir haben uns einen „touristischen Blick“ auf die Welt zugelegt. Ob wir Bioprodukte kaufen, eine stuckverzierte Altbauwohnung anmieten oder uns im Garten nackt in die Sonne legen, immer unternehmen wir damit in gewissem Sinne auch nostalgische Zeitreisen. Wir wissen, dass „Natürlichkeit“ und „Authentizität“ – die mit dem touristischen Blick verbundenen Leitbilder – im Grunde unerfüllbare Fantasien sind, trotzdem sind wir von ihnen fasziniert. Wir sind und bleiben unverbesserliche Romantiker.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Juli 2010

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Leserkommentare
Philipp (Bangkok) 28.07.2010
Guten Tag,

ich finde den Artikel sehr gelungen und ich stimme zu das es sicherlich die vielfaeltigsten Gruende gibt zu reisen, aber ich vermisse irgendwie eine Begruendung warum wir uns dem Massentourismus zugewandt haben.
Vielleicht sollte man darueber nochmal nachdenken, mit ROmantik hat das doch nichts mehr zu tuhen, oder?

Mit freundlichen Gruessen
Ein begeisterter Leser
Lothar Beutin (Berlin) 21.07.2010
sehr gut gelungener Artikel, weiter so
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Hasso Spode
Hasso Spode ist Professor der Soziologie und leitet das „Historische Archiv zum Tourismus“ an der FU Berlin. Er ist Autor von „Wie die Deutschen Reiseweltmeister wurden“ (VS-Verlag).


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