von Jan Vogler
Wie verbringt ein weltberühmter Cellist seinen letzten Tag? Jan Vogler würde selbstverständlich Musik hören. Und zwar die des späten Schubert, Beethoven oder Brahms. Denn diese Komponisten, erzählt er Cicero, seien dem Überirdischen am nächsten gekommen.
Ich vermute nicht, dass ich arg in Panik geriete. Wahrscheinlich wäre ich sogar in ausgelassener Stimmung und würde eine Flasche wunderbaren Wein trinken. Ich wäre gern in Gesellschaft meiner Familie und einiger meiner engsten Freunde. Sicher würde ich Musik hören oder spielen, wenn ich wüsste, ich hätte nur noch einen Tag zu leben.
Vor allem Schubert müsste es sein, und zwar der späte Schubert, möglichst sein Streichquintett, das er nur zwei Monate vor seinem Tod komponiert hat. Die Endzeitstimmung in seiner Musik hat eine starke Wirkung auf mich. Über viele Jahre hinweg wusste Schubert, er würde nicht mehr lange leben und hatte so eine Beziehung zum Sterben aufgebaut. Trotzdem ist seine Musik nicht durchweg dunkel, sie schwebt zwischen Himmel und Erde. Davon war ich schon immer fasziniert – und vielleicht könnte ich diese Musik jetzt noch besser verstehen?
Es gibt von Bach diese wunderbare Kantate „Ich habe genug“ – das ist vielleicht meine Lieblingskantate, die ist so schön, weil da in Dur davon gesungen wird, dass einer mit seinem Leben abgeschlossen hat und sich jetzt auf seinen Tod freut. In Dur! Die Geschichte dahinter ist, dass da jemand etwas Sinnvolles mit seinem Leben angefangen hat und so jetzt auch den Tod begrüßen kann. Sein Leben zu genießen, um mit Würde die nächste Stufe betreten zu können, das ist eine zutiefst protestantische Haltung. Und es ist auch etwas, was unserer heutigen Gesellschaft verloren gegangen ist. Heute hat fast jeder Mensch immense Angst vor dem Tod, auf eine fast tragikomische Weise verdrängen wir, dass er uns doch allen begegnen wird.
Auch das Klarinettentrio von Brahms und das wunderbare letzte Streichquartett von Beethoven würde ich noch einmal hören wollen – das sind Werke, bei denen eine unglaubliche Nähe zu überirdischen Dingen zu spüren ist. Bei vielen der späten Komponisten ist eine außergewöhnliche Reife auffällig, eine Reife, die sie erst in diesen letzten Schaffensphasen erlangt haben. Ob sie nun wie Schubert wussten, dass sie an Syphilis sterben oder wie Beethoven ertaubt waren. Diese Erfahrungen mit dem sich nahenden Ende bringen Elemente in die Musik, die zuvor nicht existierten. In solchen Werken spürt man die ganze Breite des Lebens.
Beim Musikhören würde ich natürlich versuchen, mich an die wunderbaren Momente in meinem Leben zu erinnern. Ich habe sehr viel Glück. Ich habe die Musik, eine wunderbare Familie und sehr gute Freunde – ich genieße das Leben auf allen Ebenen. Die ungeheure Vitalität von Schubert, Beethoven oder Brahms drückt die Aufforderung aus, das Leben mit all seinen unglaubenlichen Möglichkeiten zu nutzen, eben weil es irgendwann endet. Und dieser Aufforderung will ich bis zum letzten Moment nachkommen. |