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Die letzte Leinwandgöttin
von Ingeborg Harms

Ihre Hollywood-Karriere war so kurz und strahlend wie die Bahn eines Meteoriten. Nach ihrer Heirat mit Prinz Rainier von Monaco verschwand sie von der Leinwand. Aber ihr Mythos ist lebendiger denn je, wie eine Ausstellung im Londoner Victoria & Albert Museum zeigt. Über Grace Kelly.


Als am 14.September 1982 die Meldung um die Welt ging, dass Grazia Patrizia, Fürstin von Monaco, nach einem Autounfall gestorben sei, war die Ratlosigkeit so groß wie der Schock. Die Frau, die zwei Jahrzehnte zuvor einen medialen Furor verursacht hatte, der sich rückblickend nur mit dem um Prinzessin Diana vergleichen lässt, war fast in Vergessenheit geraten.

Als ihr Stern 1954 über Hollywood erstrahlte, konnte das hingerissene Publikum die gutbürgerliche Tochter aus Philadelphia gleichzeitig in fünf neuen Filmen sehen. Dazu gehörten die Hitchcock-Klassiker „Fenster zum Hof“ und „Bei Anruf Mord“. Für ihre Charakterrolle in dem Trinkerdrama „Das Mädchen vom Lande“ erhielt die Fünfundzwanzigjährige einen Oscar; die weibliche Hauptrolle in „Zwölf Uhr Mittags“ hatte sie schon zwei Jahre zuvor unsterblich gemacht. Nichts schien Grace Kellys Karriere mehr stoppen zu können, Hitchcock lag der kühlen Blonden zu Füßen, Hollywoods männlichen Stars, von Frank Sinatra über Bing Crosby bis zu Clark Gable, verdrehte sie den Kopf, und die Playboys des Jetsets ließ sie alle von Hochzeitsglocken träumen. „Alle sprachen von ihr. In diesem Moment war sie die Kreatur numero uno auf der Welt“, erinnerte sich der Couturier und Lebemann Oleg Cassini, der später zum Hofschneider Jackie Kennedys wurde. Als sich herausstellte, dass Fürst Rainier von Monaco sich um Grace Kelly bemühte, war in der Presse kein Halten mehr. Der Ozeandampfer, auf dem die glücklich Verlobte im April 1956 den Atlantik überquerte, glich einem Tollhaus. Turbulenter war nur die Hochzeitsfeier in Monte Carlo: „Es waren etwa fünfzehnhundert Journalisten in Monaco anwesend“, bemerkte die Fürstin trocken, „die meisten davon standen hinter dem Altar oder hingen an den Kirchenbalken.“

Die Live-Übertragung dieses Spektakels sahen etwa 30 Millionen Menschen, doch danach wurde es still um die letzte Leinwandgöttin. Ihre Rolle als Fürstin schien ihr die Rückkehr in ihren Beruf zu verbieten. Die rätselhafteste aller Hollywood-Schönen begnügte sich von einem Tag auf den anderen mit dem Familienglück. Fast hätte man es ihr geglaubt. Doch der Autounfall, dessen Hergang nie ganz geklärt wurde, stellte die zweite Hälfte ihrer Karriere in ein anderes Licht. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Ehe zerrüttet, ihr Alabastergesicht aufgequollen und ihre Anmut nur mehr ein Schatten von Melancholie. Wie im Falle Dianas ist es auch diese Ahnung eines Martyriums, die an Kelly heute fasziniert. Tausende pilgern zu der ihr gewidmeten Ausstellung „Grace Kelly: Style Icon“ im Victoria & Albert Museum in London und lassen die Spuren ihres Erdendaseins wie Devotionalien auf sich wirken – Filmsequenzen, Poster, Fotos, ihre Haute-Couture-Abendkleider und ihre Oskarstatue. Auf welche Sehnsucht antwortet ihre Geschichte? Und wem gilt die Anteilnahme, dem Lichtgeschöpf aus Hollywood oder der tragischen Fürstin?

Die Begegnung zwischen Grace Kelly und Rainier von Monaco war nicht vom Schicksal geplant, sondern vom französischen Hochglanzmagazin Paris Match. Das Schicksal war sogar sehr dagegen. Die von zu vielen Filmen in zu kurzer Zeit erschöpfte Schauspielerin musste mühsam dazu überredet werden, die Filmfestspiele in Cannes zu besuchen. Am Morgen des Paris-Match-Termins in Monte Carlo fiel der Strom in Kellys Hotel aus, sodass sie weder ihre Haare föhnen noch ihre von der Reise zerknitterte Garderobe aufbügeln konnte. Auch ein protokollarisch vorgeschriebener Hut war in der Mittagspause nicht aufzutreiben. Und als sie unter Androhung politischer Konsequenzen im einzigen passablen Kleid ins Auto stieg, führte die unselige Hast zu einem Auffahrunfall. Dass Grace Kelly das Schloss dennoch pünktlich erreichte und auch nach einer Dreiviertelstunde, die der Fürst auf sich warten ließ, nicht wieder kehrtmachte, ist allein den Engelszungen des Paris-Match-Teams zuzuschreiben, das sich die Jahrhundertstory um keinen Preis der Welt entgehen lassen wollte.

Obwohl es offiziell nur um eine Fotogelegenheit ging, war Grace Kellys Monaco-Besuch in Wahrheit ein blind date. Die Pariser Presse war darüber im Bilde, dass sich der fürstliche Junggeselle auf Brautschau befand und von Aristoteles Onassis ausdrücklich auf den Pool attraktiver Hollywood-Damen hingewiesen worden war. Was den Eintritt Kellys in dieses Szenario bedeutete, klingt in dem Gedicht an, das der französische Dichter Jean Cocteau dem Fürstenpaar zur Hochzeit schrieb. Es besingt Monaco als „letzte Oase des Friedens und der Träume“ an den Ufern jenes Mittelmeers, „aus dem die Göttinnen das blaue Blut ihrer Venen schöpfen“. Mehr als alle Kolleginnen war die Sirene aus Philadelphia dazu geeignet, eine Renaissance der Antike zu evozieren. Sie allein verfügte über das „Je ne sais quoi“ einer modernen Göttin, in der sich die Vollkommenheit des Aphroditenmarmors mit der beseelten Elastizität eines amerikanischen Sportsgirls verband. Schon als Kind hatte sie einen eigenartigen Schmelz, ein Lächeln, das ihr im Gesicht lag, ohne dass sie es wollte. Dank ihres irischen Teints, der warmen Arabeskenaugen, dem Honighaar, der zierlichen Kleopatranase, dem vornehmen Lippenbogen und ihrem Schwanenhals war sie aus jedem Blickwinkel erschütternd fotogen.

Alfred Hitchcock erkannte, dass noch etwas anderes in ihr steckte. Die Anziehungskraft, die Grace auf ihn ausübte, erklärte er mit ihrer „sexuellen Eleganz“, und indem er diese ans Licht brachte, schuf er ein neues Ideal. „Für viele Männer löste Grace das Huren-Madonna-Dilemma“, umriss Kellys Biograf James Spada ihren in Förmlichkeit gehüllten Sex-Appeal, „sie hatte etwas von beiden.“ Als Tochter eines katholischen Bauunternehmers war sie von Nonnen erzogen worden, und weil sie nach Vorstellung ihrer Eltern in die gute Gesellschaft einheiraten sollte, reihte sich die „Charme School“ an das Kloster. Dort lernte sie nicht nur, wie man geht, tanzt, sitzt und einen Handschuh überstreift, sondern auch, wie man Konversation macht. Mit dem Flirt als Sonderfach wurde Keuschheit zum Theater: Höhere Töchter erhielten jenen letzten Schliff, der sie als Werbeprofis ihrer selbst brillieren ließ. Entsprechend aufgeblüht wirkt Grace bei doppeldeutigen Filmwortwechseln. Es ist bekannt, dass Hitchcock sie und ihren Partner Cary Grant auf dem Set von „Über den Dächern von Nizza“ dazu ermunterte, in den Dialogen zu improvisieren: „Cary und ich hatten denselben schrägen Humor und gefährlichen Witz“, erinnerte sich Kelly, „und wir wussten, dass uns Hitch an unsere Grenzen treiben wollte.“

Doch um die gewisse Huren-Madonna-Balance zu erzeugen, brauchte es noch eine andere Ingredienz aus der Hexenküche der Kindheit. Im Rahmen der Londoner Ausstellung sind Amateurfilme der Kelly-Familie zu sehen, in denen die vier Kinder in immer neuen Formationen vor der Kamera paradieren. Sie nehmen Wettkampfaufstellung am Pool ein, bilden akrobatische Türme, werfen am Strand synchron den Kopf zur Seite, reihen sich der Größe nach im Garten auf, laufen gestaffelt auf die Linse zu, verbeugen sich und treten ab. Es herrscht der Geist der Broadway-Revue Ziegfeld Follies, ein wenig Leni Riefenstahl und viel demonstrative Idylle. Doch hinter dem Lachen der Eltern verbirgt sich ein humorloses Programm. Denn für den Vater John Kelly ist der eben entwickelte Schmalfilm kein reizvolles neues Medium, sondern ein Drillinstrument, durch das er seine Kinder auf die Rolle einstimmt, die der dreifache Olympiasieger für sie vorgesehen hat. Beide Elternteile sind Athleten und tun alles, damit Sohn Kell und die drei Töchter diesem Umstand Ehre machen.

Grace erweist sich als Niete. Zwar heißt es auf der Besetzungskarte der jungen Schauspielerin, dass sie gut schwimme, anständig Tennis und Feldhockey spiele und im Reiten Preise gewonnen habe, doch ihr Vater hat sie für den Sport abgeschrieben. Grace ist von fragiler Konstitution, war als Kind kränklich, liebt Literatur und zieht dem Stadion die Bühnenbretter vor. Die Verachtung, mit der man in ihrem unmusischen Elternhaus das Theater und erst recht Hollywood bedenkt, bringt ihr einen lebenslangen Komplex ein. Dank der Disziplin, die ihr die ehrgeizigen Eltern mit auf den Weg gegeben haben, trat sie zwar innerhalb von 9 Jahren in 45 Theater- und TV-Rollen sowie 9 Filmen auf und war bereits mit 25 im Besitz eines Academy Award. Aber „das freut mich für sie“ war alles, was John Kelly dazu zu sagen hatte. Ihr Papa erholte sich nie vom Schock, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben. In seinen Augen war Peggy, seine älteste Tochter, für eine blendende Karriere prädestiniert. Dass Grace an ihren athletischen Geschwistern vorbeizog, glich einem Verrat an seinen Genen.

Trotz des beruflichen Traumstarts, der viele Jahrzehnte eines erfüllten Künstlerlebens in Aussicht stellte, trat Grace Kelly kurz nach dem ersten Höhepunkt ihrer Laufbahn ab. Das fantasielose Ethos ihrer Familie hatte seine Spuren bei ihr hinterlassen. Obwohl sich die besten Regisseure um sie rissen, nahm sie das Geschäft mit dem Schein nie ganz ernst. Während ganz Amerika von ihr träumte, quälte sie sich mit dem landläufigen Verfallsdatum des weiblichen Geschlechts. Schon mit 24 fürchtete sie, zu alt für die Ehe zu werden, und die Torschlusspanik trieb sie so weit, sich mit dem notorischen Playboy Oleg Cassini zu verloben. Nachdem der bei ihren Eltern durchfiel, zerschlug Rainier den gordischen Knoten. Der Prinz bot ihr die ersehnte Märchenhochzeit und den Eltern einen Schwiegersohn, an dem niemand viel auszusetzen wusste. Was Kelly in „Der Schwan“ und „High Society“ nur gespielt hatte, wurde plötzlich zu einer Wirklichkeit, die ihre Filme zu Generalproben degradierte.

Die hohe Meinung, die Grace Kelly von der Wirklichkeit hatte, gab ihren Filmauftritten einen Mona-Lisa-gleichen Hauch von Ironie. Ihre Charaktere schienen Reserven zu haben, die nichts Innerweltliches erschüttern konnte. Diese Aura des Wissens machte ihren Flirt so unwiderstehlich und ließ ihre Leinwandpartner reihenweise zu ihren Liebhabern werden. Was sie anzog, war dieser Rest von Unverbindlichkeit, den Kelly vom Set in die Affären mitnahm.

Jeder große Schauspieler hat ein Geheimnis, doch bei Grace Kelly grenzt es ans Unheimliche. Und das hat viel mit der prophetischen Dimension ihrer Filme zu tun. Im „Schwan“ spielte sie eine Prinzessin, in „Mädchen vom Lande“ opfert sie als kluge, attraktive Frau ihre Karriere für die ihres Mannes auf, in „Zwölf Uhr mittags“ steht sie gegen starke innere Widerstände ihrem Gatten, dem Sheriff, bei und nimmt dafür große Vereinsamung in Kauf. Was „Über den Dächern von Nizza“ betrifft, so wurde die Komödie nicht nur in unmittelbarer Nähe des monegassischen Fürstentums gedreht, sie wirkt auch wie das Skript für die Juwelendiebstähle, die während der Hochzeitsfeierlichkeiten tatsächlich grassierten. Doch kein Film wurde so sehr zu Grace Kellys Schicksalsparabel wie Hitchcocks „Fenster zum Hof“. Der Regisseur, der wie kein anderer wusste, dass der Schein realer als die Wirklichkeit ist, machte in seinem letzten Kelly-Film unmissverständlich klar, wie es einer Frau ergehen kann, deren Ehe sie immobilisiert.

Das Hofprotokoll war ein unerbittlicher Feind jener Sirenenambivalenz, die der Fürst in Kellys Filmen bewundern konnte, bevor er ihr einen Antrag machte. Unter seiner Regie erhielt sie nur eine Statistenrolle – im Dekorum eines Operettenstaates, der nicht mal das Frauenwahlrecht kannte. Dass sie bis zu ihrem Unfalltod 1982 nicht aus dieser Rolle ausstieg, die ihre Schönheit vorzeitig zerstörte, sie depressiv und alkoholabhängig machte, lässt sich nur durch den Entschluss erklären, die einmal festgelegte Rangordnung von Wahrheit und Schein nicht zu zerstören.

Der Stern Grace Kellys begann schon zu sinken, als Monte Carlo sie von ihren Schneidern trennte. Die Hollywood-Kostümbildnerinnen Edith Head und Helen Rose hatten ihren delikaten Typ genau verstanden. Sie kleideten sie in diaphane Schichten glamourösen Pastells, in Skin, Greige, Graublau und Puder, in Spitzen, Seiden, Tüll und Schaum. Ihre atemberaubendsten Auftritte verdankte Kelly Nichtfarben und luftigen Hüllen, die ihren Körper nicht verbargen, sondern interpretierten, ihren Teint unterstrichen und den metallischen Schimmer ihres Haars weiterspannen. Hitchcock ging in „Über den Dächern von Nizza“ so weit, die Schauspielerin ganz in Gold kleiden zu lassen. Doch am genialsten realisierte sich seine Intuition, als er verlangte, sie in der letzten Szene von „Fenster zum Hof“ wie „Dresdner Porzellan aussehen zu lassen, ein wenig unberührbar“. Das über der Brust wie ein Nachthemd geknöpfte Battistkleid hat den rosigen Ton ihrer Haut, und die darauf verstreuten Meißener Blumenmotive masern Kellys Alabasterkörper mit dem rostroten Rankenwerk von frischem Blut.

Die vielen Couture-Modelle aus Grazia Patrizias fürstlichen Schränken, die in London zu sehen sind, haben nichts von diesem Zauber. Starre Stoffe, schwere Lagen, harte Farben und große Muster erdrücken jeden Charme ihres elfenhaften Wesens. Am traurigsten wirkt der Versuch, Hitchcocks Dresdner Vision in Blau zu wiederholen, zu sehen auf einer Fotografie von Mutter und Kind. Denn die Prinzessin sieht in der Madonnenpose wie ein Delfter Kachelofen aus. Für ihre Ball-Coiffuren wurde Alexandre de Paris eingeflogen. Der Gesellschaftsfriseur dachte sich immer neue Haarteile aus, behängte den Kopf der Fürstin mit Rokokolöckchen, Haarkränzen, -zöpfen und -schleppen, setzte ihr Vogelnester auf, steckte Federn hinein und erstickte das zarte Gesicht unter turmhohen Wellen.

Grace Kelly ist einem Millionenpublikum unvergesslich geworden, weil sie ein Gesamtkunstwerk der Natürlichkeit war. Den Vamp schaffte sie eigenhändig ab, indem sie darauf bestand, sich fast unsichtbar zu schminken. Ihr Schmuck beschränkte sich auf eine Perlenkette, ihr Haar fiel schlicht in den Nacken und wellte sich dort einmal wie der Meeressaum am Strand. Den Publikumsdurchbruch verdankte sie Fotos, die Howell Conant auf Jamaica geschossen hatte. Sie posierte ohne Make-up, mit nassem Haar und in einem weiten, knielangen Hemd. Die endlos gestylten und retouchierten Publicitybilder, die Studios in Hollywood von ihren Stars in Umlauf brachten, waren damit Geschichte. Nur für Grace Kelly selbst waren der neue Stil und das Licht von Jamaika am Ende reine Utopie. Einer amerikanischen Freundin schrieb sie kurz vor ihrem Tod scherzend, dass sie darauf hoffe, einer der Frösche unter ihren Wasserlilien möge zu einem schönen Prinzen werden, „der anständig genug ist, mich von dieser einsamen Insel weg und zurück in die Zivilisation zu tragen“.


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Ingeborg Harms
Ingeborg Harms ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie hat über Mode, Kunst und Filme geforscht.


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