von Tobias Lehmkuhl
Manuskripte von 37 unveröffentlichten Romanen soll der Berliner Journalist und Schriftsteller Joachim Lottmann noch besitzen. Aber diese Auskunft stammt von ihm selbst und er geht sehr kreativ mit der Wahrheit um. Einer davon, „Der Geldkomplex“, ist jetzt erschienen.
Viele halten Joachim Lottmann für den Erfinder des Popromans. Nicht zuletzt er selbst. Dabei lassen sich „Die Jugend von heute“, „Zombie Nation“ oder „Der Geldkomplex“, Lottmanns neuestes Werk aus dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, auch als Teile eines einzigen großen autobiografischen Projekts begreifen, nervöse Berichte eines Gegenwartsbesessenen. Zusammenfassend könnte über ihnen der Titel stehen, den bereits ein Band mit Reportagen trägt, die Lottmann einst als Journalist für den Spiegel schrieb: „Auf der Borderline nachts um halb eins“.
Nachmittags um drei begrüßt einen der 53-Jährige mit der Frage, ob man den Artikel über ihn schon geschrieben habe. Er selbst würde über die Menschen immer schreiben, bevor er sie treffe, sonst sei man ja hinterher korrumpiert und zu keiner kritischen Meinung mehr fähig. „Weil man sie nett findet?“ – „Ja, sicher weil man sie nett findet! Wie könnte man einen Menschen, mit dem man mehrere Stunden verbringt, nicht nett finden? Das wäre doch dumm.“
Lottmann wirft seinen circa hundert Jahre alten Daihatsu Cuore an, und man lässt sich samt der schönen Hoffnung, dass alle Menschen freundlich, lieb und nett sind, in die nächste Kurve tragen. Das Wetter ist schlecht in Berlin und durch die Windschutzscheibe des Miniaturautos lässt sich kaum etwas erkennen, so heftig prasselt der Regen auf die Motorhaube. Doch die gute Laune des Schriftstellers ist unerschütterlich: „Die Japaner sind uns mit ihrer Hybridtechnik ja eine Generation voraus.“
Über ein Radio verfügt der Daihatsu allerdings nicht. Stattdessen liegt ein Discman auf dem Armaturenbrett, den Lottman vergeblich in Betrieb zu nehmen versucht, bevor er fast einen Radfahrer überfährt. Dann biegt er falsch ab – „ich kenne mich hier ja nicht aus!“ –, auch wenn er seit zehn Jahren gleich um die Ecke wohnt. Tatsächlich hat man beim Lesen von Lottmanns Büchern den Eindruck, dass sich niemand besser auskennt in Berlin-Mitte. Wenn einer zu allen angesagten Partys findet, dann dieser Lottmann, der in seiner onkelhaften, verschmitzt-unschuldigen Art die Menschen für sich einzunehmen weiß, die Jugend vor allem, all die Halbtagsstudenten, Projektemacher und Junggenies zwischen Oranienburger Straße und Kastanienallee.
Die Jugend scheint überhaupt besser mit Lottmanns halbironischer Art umgehen zu können als manch ausgebuffter Medienprofi. Rainald Goetz etwa hält Lottmann für „wirklich böse“, und nicht wenige nennen ihn einen Lügenbaron. Aber was ist schon Lüge, was Wahrheit? Lottmann, das wird an diesem Nachmittag schnell klar, weiß einfach beneidenswert kreativ mit der Wirklichkeit umzugehen. Eine Frage nach seinem Urlaub in Indien etwa, und ob er dort krank geworden sei, verneint er, um als größter aller Übertreibungskünstler sogleich hinzuzufügen, dass die Menschen um ihn herum natürlich gestorben seien „wie die Fliegen“.
Kreativ ist auch Lottmanns Umgang mit Geld oder besser gesagt: mit dem Umstand, dass er kein Geld hat. Niemand weiß das besser als der Verleger Helge Malchow, der den mittellosen Jungautor einst drei Monate bei sich wohnen ließ. So entstand 1986 der legendäre Roman „Mai, Juni, Juli“. Er handelt, wie alle Lottmann-Romane, von einem, der sich durchs Leben schummelt, einer höchst unterhaltsamen Hochstaplerfigur, die es nicht so genau nimmt.
Und so kann man, wie es der Verlag tut, Lottmanns neuestes Werk „Der Geldkomplex“ in der Tat als den Roman zur Krise bezeichnen, nicht aber, weil er von Geld und Geldverlust handelt, sondern weil er mit seiner kindlichen Lust an Spiel und Schummelei die perfekte Parabel für das regellose Spekulantenwesen unserer Zeit darstellt. So wie unter der Finanzkrise viele unschuldige Menschen zu leiden haben, so fragt man sich allerdings, ob sich von Lottmanns Mitschriften aus der Berliner Wirklichkeit nicht manch einer getroffen fühlt. Auch wenn man den Autor nie bei reiner Bösartigkeit ertappt, ist er keineswegs geneigt, seine Figuren in „Der Geldkomplex“ in einem guten Licht erscheinen zu lassen – selbst wenn sie wie Sascha Lobo, Matthias Matussek oder Rainald Goetz unter ihren Klarnamen auftreten.
Beim Lesen dieses Buches habe seine neue französisch-jüdische Freundin übrigens Deutsch gelernt, fabuliert Lottmann, und nicht nur das, sie habe Deutsch daraufhin mit einem „wunderbaren K.u.k.-Akzent“ gesprochen. Kurz zuvor, muss hinzugefügt werden, hatte Lottmann beim Parken im Halteverbot seiner Begeisterung für Joseph Roth Luft gemacht. Kurz danach betritt er das Apartment der Getty-Zwillinge, den beiden exzessiven 68er-Protagonistinnen. Man kennt sich aus gemeinsamen Zeiten bei Rainer Langhans in München. Dann geht es zu Marek Dutschke, dem Rebellensohn. Und schon klingelt das Handy. Die nächste Party ruft, man verabschiedet sich und wundert sich dabei keineswegs, dass all diese Menschen Lottmann unbedingt sehen wollen – auch wenn er, das ist sicher, am nächsten Morgen wieder über sie schreiben wird. |