von Frank Schirrmacher
Er ist einer der herausragenden Publizisten Deutschlands. Ob er sein iPhone an- oder abschalten würde, wenn er seinen letzten Tag in Tansania verbringt, weiß Frank Schirrmacher noch nicht.
24 Stunden sind eine lange Zeit. Und wenn es danach zu Ende ist, stellt sich als einzige Frage, was man mitnehmen kann. Das letzte Hemd hat keine Taschen, aber wer sagt, dass das Hirn keine habe. Manche behaupten, man muss im Schattenreich bezahlen. Schon deshalb braucht man Kapital. Also in 24 Stunden alles aufnehmen, verstauen und reisefertig machen. Wer weiß, was man davon gebrauchen kann. Im Klartext: Natur, Literatur, Musik. Mitnehmen: Kafkas Aphorismen, die Bibel und iTunes. Den E-Mail-Server abschalten und die Nachrichtenströme im iPhone deaktivieren.
In 24 Stunden schaffe ich es auch nach Tansania, zur Olduvai-Schlucht im ostafrikanischen Grabenbruch. Hier hat die große Anthropologin Mary Leakey 1978 die ältesten Fußspuren der Menschheit entdeckt.
Abdrücke, die zwei Menschen vor 3,6 Millionen Jahren in der erkaltenden Asche hinterlassen haben. Innerhalb von 24 Stunden sind sie ausgehärtet – 24 Stunden sind wirklich eine Ewigkeit. Zwei Flüchtende, wahrscheinlich Mann und Frau. Zwar sind die Fußabdrücke längst für die Nachwelt versiegelt, zu der man dann auch selbst bald nicht mehr gehört, aber man kann ganz in ihre Nähe kommen. Die die Spuren hinterließen, haben es schon hinter sich und alle anderen, die nach ihnen kamen, auch. So schließt sich der Kreis. Robinson entdeckte die Fußspur Freitags im Sand und wusste, dass da noch einer lebte. Ich schaue mir die ältesten Fußspuren der Menschheit an und weiß, dass auch andere starben.
Lesen, schauen, Musik hören. Keine Nachrichten mehr empfangen und keine mehr senden. Es ist komisch, wenn es nicht auch ein bisschen traurig wäre: Wahrscheinlich ist man in seinen letzten 24 Stunden der freieste Mensch der Welt. „Starb alt und lebenssatt“, steht in der Bibel. Also in der verbleibenden Zeit noch versuchen, ganz lebenssatt zu werden. Vielleicht hätte man doch lieber Benn statt Kafka mitnehmen sollen und vielleicht doch noch mal FAZ.net oder SPIEGEL Online abrufen können. Die Toten, heißt es, gieren nach Nachrichten aus der wirklichen Welt. Nicht nur Dante hatte sich bei seiner Unterweltsfahrt mit aktuellem Klatsch und Tratsch sehr beliebt gemacht. Also noch ein paar aktuelle News, denn Tote twittern wahrscheinlich noch nicht.
Und dann ist man reisefertig. Die Olduvai-Schlucht ist sehr trocken und staubig. Damals, als die Fußspuren hier hinterlassen wurden, muss es auf die Ascheschicht geregnet haben. Später könnten reißende Ströme am Werk gewesen sein. Aber nichts hat die zementharten Spuren zerstört. Und dann, um 23:59 Uhr ist es vielleicht die Minute des in diesem Augenblick absolut wahrsten Satzes der deutschen Literatur: „Leben“, schreibt Gottfried Benn, „ist Brückenbauen über Ströme, die vergehn.“ |