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Mit dem Sinn fürs Schöne
von Daniel Schreiber

Als Heinrich von Berenberg vor sechs Jahren seinen Verlag gründete, steckte die Buchbranche in der Krise. Heute steht sein komplettes Programm in zahlreichen Buchhandlungen. Er hat bewiesen, dass Leser auch an anspruchsvollen Titeln interessiert sind.

Bitte rauchen Sie! Meine Frau und ich haben vor ein paar Jahren aufgehört, aber wir freuen uns immer, wenn jemand eine Zigarette bei uns anzündet.“ Noch ehe man widersprechen kann, zaubert Heinrich von Berenberg einen Porzellanaschenbecher hervor, der wie ein großer grüner Frosch aussieht. Seine unprätentiös eingerichtete Altbauwohnung in Berlin-Wilmersdorf ist groß, und das muss sie auch sein, sie beherbergt eine vierköpfige Familie und den Sitz seines Verlags, manchmal finden auch kleine Lesungen dort statt.

Natürlich füllen Reihen von Büchern die Wände des Arbeitszimmers, von gut hundert Jahre alten, in Leder gebundenen Werkausgaben englischer Lyriker bis zu einer kompletten Sammlung der links-hedonistischen Vierteljahresschrift „Der Freibeuter“. Könnte man den Charakter eines Menschen tatsächlich an seiner Bibliothek ablesen, träfe man bei Berenberg ins Schwarze. Die ausgesuchte Höflichkeit eines hanseatischen Bankierssohns trifft bei ihm auf die informelle Gelassenheit von jemandem, der 20 Jahre lang als Lektor beim Wagenbach-Verlag tätig war.
Traditionsbewusstsein geht Hand in Hand mit einer seltenen intellektuellen Offenheit.

Als er vor gut sechs Jahren den kleinen Berenberg-Verlag gründete, brachte ihm das nicht nur einige Liebeserklärungen aus den Reihen der Literaturkritiker ein, sondern auch eine Menge Skepsis vonseiten der Verlagskaufleute. Alle sprachen damals von der „Branchenkrise“, unabhängige Verlage wurden von den großen Konzernen des Buchmarkts geschluckt, und das Programm, das Berenberg vorstellte, war nicht gerade kommerziell ausgerichtet. Belletristik schlug er für unbekannte, biografische und autobiografische Essayliteratur aus. Auch heute noch ist das sein Lieblingsgenre, es sei „so wunderbar knackig und so wenig objektiv“.

Es ist nicht üblich, dass die Kritiker bei solchen Meinungsverschiedenheiten recht behalten. Aber Cristina Peri Rossis Memoiren über „Die Zigarette“ oder Sonia Simmenauers „Muss es sein?“, ein Buch über das Leben in Streichquartetten, sind seitdem zu kleinen Verlagsbestsellern geworden, und während die meisten Bücher heutzutage kaum länger als drei Monate im Handel zu finden sind, führt inzwischen eine ganze Reihe von Buchhandlungen das gesamte Berenberg-Programm. Jedes Halbjahr kommen drei bis vier sorgfältig editierte, fadengeheftete und in Halbleinen gebundene Bände dazu. Der Name ist zu einem Synonym für Anspruch und gehobene Buchästhetik geworden.

Gerade ist der neueste Band aus dem Frühjahrsprogramm erschienen und es ist eine typische Berenberg-Trouvaille. In „Löwen und Schatten“ erzählt Christopher Isherwood, der große „Berlin Stories“-Autor, wie er Schriftsteller und wie er schwul geworden ist.
Seitdem das rührende Buch 1938 bei Virginia Woolfs Hogarth Press erschien, begeisterte es Generationen anglophiler Jung-Bohèmiens, unter ihnen Berenbergs Freund, den Übersetzer Joachim Kalka. Der habe ihn, so Berenberg, darauf aufmerksam gemacht. Ins Deutsche übertragen aber war es bislang nicht.

Dass man mit so einem Programm nicht reich wird, steht außer Frage. „Ich werde immer gefragt, ob wir vom Verlag leben können“, erzählt Berenberg, „und natürlich machen wir das nicht. Die Bücher tragen sich, aber es spielt keine Rolle für uns, wie viel Geld wir damit verdienen. Das ist sehr idealistisch und in Shareholder-Zeiten mag das wie der blanke Wahnsinn klingen, aber das ist uns egal.“
Möglich war die Verlagsgründung, weil Berenberg finanziell unabhängig ist. Seiner Familie gehört die älteste Privatbank Deutschlands und ihre stellenweise an die „Buddenbrooks“ erinnernde Geschichte lässt sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen.

Heinrich von Berenberg ist ein Getriebener. Anders kann man schwer erklären, dass der inzwischen 60-Jährige in seiner langen Laufbahn als Lektor und Übersetzer so wichtige Schriftsteller wie die Schottin A.L.Kennedy und den Chilenen Roberto Bolaño für die deutschen Leser entdeckt und übertragen hat. Auch wenn es wirkt, als ob er das alles ganz selbstverständlich fände, und es das für ihn vielleicht auch ist. Schließlich ist er in gleich zwei Milieus verwurzelt, die sich auf unterschiedliche Weise auf das Primat literarischer Bildung gründen. Zum einen in der für Deutschland so wichtigen, gesellschaftskritischen Verlegerkultur, die er beim Wagenbach-Verlag miterlebt und mitgeprägt hat, und zum anderen in der zivilen Kultur seiner großbürgerlichen Jugend, einer Kultur, die außergewöhnliche Menschen wie den Kunsthistoriker Aby Warburg hervorbrachte.

Es muss nicht einfach gewesen sein, diese beiden Milieus zu verbinden. „Als ich gesagt habe, ich studiere Germanistik und ziehe in eine Wohngemeinschaft, war das schon ein Schlag für ihn“, erzählt Berenberg etwa amüsiert von seinem Vater, der gehofft hatte, seinen Sohn in die Bank zu holen, „aber irgendwann hat er es verstanden. In gewisser Hinsicht war er noch ein Mann des 19. Jahrhunderts, ein politisch und historisch enorm gebildeter Mensch. Heute ist so etwas selten geworden.“ Aber vielleicht ist es ja auch gerade dieser doppelte Geist, Berenbergs Balance aus klassischer Bibliophilie und unkonventionellem Esprit, der das Rückgrat seines Verlags bildet.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe April 2010

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Daniel Schreiber
Daniel Schreiber ist Leiter des Cicero-Ressorts Salon. Nach einem sechsjährigen Aufenthalt in New York arbeitete er als Redakteur für das Kunstmagazin Monopol. 2007 erschien seine Biographie "Susan Sontag. Geist und Glamour" im Aufbau-Verlag.


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