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Prophet des Untergangs
von Christine Mattauch

Im Krisenjahr 2007 verdiente der amerikanische Hedgefondsmanager John Paulson persönlich 3,7 Milliarden Dollar. Jetzt kommen in einem Betrugsverfahren gegen die Investmentbank Goldman Sachs hässliche Details seiner Methoden ans Licht. Er spekuliert aber munter weiter.

Der Brief vom 20. April klingt wie der eines gefallenen Helden. Er wolle alles erklären, schreibt John Paulson seinen Investoren. Als Hedgefondsmanager habe er nun mal die Pflicht, das Geld seiner Kunden zu mehren. „Wir haben uns den Ruf redlich verdient, dies mit Ehrlichkeit, Integrität und sorgfältiger Recherche zu tun.“

Wer so etwas schreibt, fürchtet offenkundig, diesen Ruf zu verlieren. Und die Kritik an „J. P.“, wie ihn die Wall Street nennt, wird immer lauter. „Paulson sollte für den Rest seines Lebens vom Wertpapiermarkt verbannt werden“, fordert der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), Simon Johnson. Denn inzwischen sind hässliche Details über Paulsons Methoden bekannt geworden. Am 16. April verklagte die amerikanische Börsenaufsicht SEC die Investmentbank Goldman Sachs wegen Betrugs. Paulson spielt in dem Geschäft eine Schlüsselrolle.

Der Deal fand im Frühjahr 2007 statt, als der US-Hypothekenmarkt bereits wackelte. Paulson war auf der Suche nach Wertpapieren, auf deren Einbruch er setzen konnte. Er bat Goldman um Hilfe. Gegen eine Gebühr von 15 Millionen Dollar kreierte die Investmentbank eine Anleihe namens Abacus, die durch Hypothekenkredite gedeckt war. Das Besondere dabei: Paulson wählte, so die Informationen der SEC, die Kredite selbst aus. Er nimmt genau jene, von denen er glaubt, dass sie bald wertlos sein werden. Darauf schließt er eine Wette ab. Diese Details verschweigt Goldman den Käufern der Abacus-Anleihe. Binnen eines halben Jahres verlieren sie praktisch alles, Paulsons Hedgefonds verdienen durch die Gegengeschäfte eine Milliarde Dollar.

Nicht nur deswegen gehört John Paulson zu den wenigen, die an der Finanzkrise verdient haben. Bis vor kurzem wurde der dunkelhaarige New Yorker mit den Lachfältchen in Amerika dafür noch gefeiert. Hier war einer, der sich nicht vom Immobilienboom hatte blenden lassen. Einer, der mit hohem Einsatz gegen die Subprimekredite wettete, als die Herde an der Wall Street noch weiter in Richtung ewig steigender Häuserpreise rannte. Dass er dafür Milliardengewinne einstrich, schien logisch, sogar gerecht. „Sultan of Subprime“ und „Prophet des Untergangs“ nannten die US-Medien den 54-Jährigen ehrfürchtig.

Juristisch wird ihm auch im Abacus-Skandal bisher nichts vorgeworfen. Trotzdem meinen viele, er sei zu weit gegangen. Schließlich hat er nicht nur von der Gier der anderen profitiert, sondern das Geschäft selbst eingefädelt.

Die eigene Gier nach Geld zieht sich wie ein dollargrüner Faden durch Paulsons Leben. Schon als Kind verkaufte er die Drops aus dem Supermarkt mit einem Aufschlag an seine Freunde. Mit 19 Jahren ging er nach Ecuador, um dort Geschäfte für einen reichen Onkel zu machen. Der spendierte ihm ein Penthouse mit Koch und Haushälterin. Zurück in den USA, lautete sein klares Ziel: mindestens so gut zu leben wie sein Onkel.

Als Harvard-Absolvent heuerte er erst bei der Unternehmensberatung Boston Consulting, dann bei Investmentfirmen an. Nie blieb er lang – immer fand er, dass er zu wenig verdiente. 1994 gründete er seinen eigenen Hedgefonds, fand aber zunächst kaum Investoren. Paulson galt als Frauenheld, der wilde Partys feierte und schon mal betrunken am Steuer erwischt wurde.

Er startete mit zwei Millionen Dollar aus eigener Tasche. Sieben Jahre später verwaltete er 600 Millionen Dollar – nach Wall-Street-Maßstäben immer noch Peanuts. Das wusste auch Paulson. „Er wartete auf das Geschäft seines Lebens“, schreibt Gregory Zuckerman in seinem Buch „The Greatest Trade Ever“. Bis er die US-Immobilienblase entdeckte.

Zusammen mit seinem Mitarbeiter Paolo Pellegrini wertete er selbst sechs Millionen Hypothekenkredite aus, weil er den Ratingagenturen misstraute, die den Subprimeverbriefungen weiterhin Bestnoten gaben. Am Ende waren beide sicher: Der Markt würde zusammenbrechen. „Wir haben das El Dorado gefunden“, jubelte Paulson.

Sie kauften billige Kreditausfallversicherungen, sogenannte Credit Default Swaps (CDS), deren Wert steigt, wenn die Immobilienkredite platzen. Dasselbe machten sie bei Banken, weil sie ahnten, dass einige von ihnen zusammenbrechen würden. Hätten sie vor der Krise warnen müssen? Sie taten es nicht. Im Gegenteil: Paulson versuchte, seine Strategie geheim zu halten, damit ihn andere nicht kopierten. Mit einer Spezialsoftware verhinderte er, dass Kunden seine Mails weiterleiteten.

Im ersten Krisenjahr 2007 steigt das Vermögen seiner Fonds von 6 auf 28 Milliarden Dollar. Paulson selbst stellt mit einem persönlichen Gewinn von 3,7 Milliarden Dollar einen Rekord in der Hedgefondsbranche auf.

Der Nobody wird zum Star, der mit seiner Familie wahlweise an der Upper East Side in Manhattan residiert oder auf dem Landsitz „Old Trees“ in den Hamptons, dem New Yorker Naherholungsgebiet für Superreiche.

Der neuerliche Rummel um seine Person behagt dem medienscheuen Paulson überhaupt nicht. Dass er sich nun um seinen Ruf sorgt, zeigt nicht nur der Brief an seine Investoren. Zur Imagepflege spendete er 15 Millionen Dollar – ausgerechnet an in Not geratene Hausbesitzer. An einen Rückzug denkt er aber nicht: „Die gleiche Motivation, die uns in den Hypothekenmarkt investieren ließ, treibt uns auch heute“, versichert er den Investoren. Seine neueste Spekulation: Wetten gegen den Dollar.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Juni 2010

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Christine Mattauch
Christine Mattauch ist freie Wirtschaftskorrespondentin. Sie lebt und arbeitet seit 2007 in New York.


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