von Juli Zeh
Der Bundespräsident tritt zurück, die Regierung regiert nicht und nicht einmal Michael Ballack kann in Südafrika spielen. Alles, was den Deutschen bleibt, ist fröhlich Lenas „Satellite“ vor sich hin zu pfeifen. Ein Stimmungsbild der stagnierenden Bundesrepublik anno 2010.
Kennen Sie das Gefühl, wenn man mitten in der Nacht aufwacht und keine Ahnung hat, wo man sich befindet? Tür und Fenster haben die Plätze getauscht, das Bett ist viel zu breit, und die Stille klingt merkwürdig in den Ohren, irgendwie unvertraut. Für ein paar Augenblicke schwebt man in einer Zwischenwelt, ort- und zeitlos, im veritablen Nichts. Endlich ahnt man: Das muss ein Hotelzimmer sein.
Eben war ich doch noch zu Hause, wo die Presslufthämmer der Wirtschaftskrise vor den Fenstern tobten, dieser zermürbende Lärm einer Dauerbaustelle namens „Neuordnung der Finanzmärkte“, auf der nichts vorangeht. Dazu das Prasseln des Dauerregens, der im Wonnemonat Mai tagelang gegen die Fenster peitschte, als wäre der Sommer im Jahr 2010 entweder zurückgetreten oder im Rahmen eines Sparpakets gestrichen worden. Nach einem ohnedies endlosen Winter, vollgepackt mit altmodischen Dingen wie Schnee und Eis, kann einem da schon die Lust vergehen. Zum Beispiel die aufs Anführen. Jedenfalls war immer, wenn ich das Radio anschaltete, gerade ein Anführer verschwunden. An die Rücktritte von Franz Josef Jung und Margot Käßmann hatte man sich schon gewöhnt, bei Walter Mixa war es ohnehin höchste Zeit. Aber dann ging es plötzlich Schlag auf Schlag. Michael Ballack musste wegen Sehnenverletzung als Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft ausscheiden. Horst Köhler, Kapitän der Bundesrepublik Deutschland, verließ wegen Seelenverletzung das schlingernde Schiff. Auch Hessen-Kapitän Roland Koch schmiss die Brocken hin und gab zur Begründung an, dass Politik eben nicht alles sei. Schon gar nicht im Vergleich zur Wirtschaft.
Und plötzlich – Stille. In Berlin basteln die übrig gebliebenen Anführer mäßig wasserdichte EU-Rettungsschirme aus bunten Schuldscheinen. Die Bürger hingegen benutzen ihre von der Gesundheitspauschale bedrohten Köpfe vor allem dazu, sie in milder Verwunderung zu schütteln.
Ach so, auf die Finanz- und Wirtschaftskrise folgen jetzt Währungskrise und Vertrauenskrise? Wird auch langsam langweilig. Aha, das neueste Rettungspaket konnte den Kurssturz des Euro nicht aufhalten? War doch eh klar. Schau an, wir haben keinen Bundespräsidenten mehr? Wenn er nicht rausposaunt hätte, dass er zurücktritt, wäre das gar nicht weiter aufgefallen. Na so was, Jogi Löw will nach der Fußball-WM vielleicht auch abdanken? Können wir verstehen. Abdanken tut gut, abdanken liegt im Trend. Deshalb machen wir das als politische Öffentlichkeit jetzt auch. Wir sind dann mal weg, nämlich am Flughafen in Hannover, um Lena abzuholen.
Hilfe! Ist dies das Land, das regelmäßig in Hysterie geriet, wenn die Pendlerpauschale abgeschafft werden sollte oder ein paar grippeinfizierte Vögel den deutschen Luftraum enterten? Warum ist es so ruhig? Wo sind die Empörten, deren Aufgabe es wäre, den Untergang von Republik und Abendland zur beschlossenen Sache zu erklären? Wo die Opposition, die mit ausgebreiteten Armen verspricht, alles besser zu können? Wo ist das Fenster, wo die Tür? Sinn und Verstand haben die Plätze getauscht, und die Stille klingt nicht nur merkwürdig unvertraut, sondern dröhnt regelrecht in den Ohren. Erst einmal durchatmen. Ein Hotelzimmer also, Zwischenstopp auf dem Weg von einem Ort zum anderen. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht hier. Ich beschließe, aus dem Fenster zu schauen und abzuwarten, ob das Frühstück gebracht wird. Beim Gedanken an frischen Orangensaft und warme Croissants wirkt die Stille gleich weniger bedrohlich, im Gegenteil, eigentlich ist die Ruhe himmlisch. Und regnen tut es auch nicht mehr.
Langsam nimmt die Umgebung Kontur an, draußen dämmert ein nebliger Morgen. In der Ferne bewegt sich eine Gruppe seltsamer Gestalten. Sie drehen sich umeinander, tauschen die Plätze wie Figuren auf einem Schachbrett. Ein paar Zuschauer mit Kameras und Mikrofonen stehen am Rand und verfolgen das Geschehen. Jetzt erkenne ich, was die Akteure machen: Sie packen zusammen. Da ist der Bundesverteidigungsminister, ganz allein damit beschäftigt, die Bundeswehr abzuschaffen. Tatsächlich hat er die Logik auf seiner Seite: Wenn unsere Jungs in Uniform, wie die Causa Köhler beweist, nun doch keine Wirtschaftskriege führen dürfen – wozu brauchen wir sie dann? Das globale Kapital soll sich gefälligst seine eigenen militärischen Dienstleister mieten, falls es unbedingt Krieg führen muss; die Telefonnummer von Blackwater gibt’s im Internet. Dem Gesundheitsminister am äußeren Rand des Spielfelds könnte das nicht gleichgültiger sein. Er steht über seinen Rechenschieber gebeugt und rechnet sich in großen Schritten einer nebligen Ferne entgegen. Einstweilen posiert der Außenminister hoch aufgerichtet in seiner Ecke, drückt sich ein Telefon an jedes Ohr und verteidigt die Subventionierung jener Hotelbetten, in die man einzuziehen gedenkt, sobald man hier mit der Haushaltsauflösung fertig ist. Eine Gruppe unauffälliger Experten um den Wirtschaftsminister bereitet die letzten deutschen Unternehmen auf den Verkauf an ausländische Investoren vor. Und im Zentrum der Ereignisse bewegt sich, seltsam zeitlupenhaft, die Kanzlerin. Gerade hat sie versucht, Frau von der Leyen mit einem gekonnten Bodycheck in die Mitte des Spielfelds zu befördern, und sie dabei versehentlich über den Rand geschubst. In einem sekundenschnellen Taktikwechsel tauscht sie nun den gefallenen König Köhler gegen eine durchsichtige, fast gar nicht vorhandene Ersatzfigur. Währenddessen versuchen eifrige Journalisten, den munteren Gauck zum Einsatz zu bringen. Die FDP-Mannschaft macht La Ola für den sympathischen Quereinsteiger und kündigt gleichzeitig an, ihm den Zutritt zu verweigern. Leider, leider – man hat es so weit gebracht bei dem Vorhaben, die Regierung mithilfe giftiger Injektionen von innen zu paralysieren, da kann man das allgemeine Absterben jetzt nicht gefährden, indem man einen Parteilosen engagiert.
Chaotisch sieht das Gewusel der Aufräumarbeiten aus. Schaut man allerdings länger zu, entdeckt man Strukturen, die dem Spiel eine ganz eigene Schönheit verleihen. Man erkennt, dass von langer Hand vorbereitet wurde, was hier in die entscheidende Phase tritt. Ein großes, einvernehmliches Projekt, an dem das ganze Land in schönster demokratischer Harmonie beteiligt ist. Ich denke daran, wie wir uns jahrelang darin übten, Politiker und andere Figuren des öffentlichen Lebens über unsauber formulierte Sätze stolpern zu lassen, bis sich alle treu und brav mühten, immer dasselbe zu sagen, und in Sekundenschnelle zurücktraten, wenn das einmal nicht gelang. Ich erinnere mich, wie die Politik Personalfragen in Castingshows, Minister in Medienstars und Wahlkämpfe in Unterhaltungsformate verwandelte, um dann ehrlich und auf Augenhöhe gegen eine 19-jährige Sängerin aus Niedersachsen zu verlieren. Wie man links gegen rechts, Solidarität gegen Eigenverantwortung, Freiheit gegen Sicherheit und Sparen gegen Wachsen ausspielte, bis die totale Stagnation in greifbarer Nähe lag. Derweil wollten wir Bürger unbedingt als Konsumenten behandelt werden und politische Ziele als Serviceleistungen begreifen. Regelmäßig waren wir stinksauer, weil die durch Stimmabgabe erkauften Produkte nicht die erhoffte Qualität besaßen. Als Politikverdrossene haben wir eine Kanzlerin wiedergewählt, die ihre ungeheuren Beliebtheitswerte darauf stützte, möglichst wenig Politik zu machen. Weil sie von Anfang an nur für strategisches Schweigen und personelle Nabelschau stand, ist sie heute eine Idealbesetzung als Zeremonienmeisterin des großen Abdankens vor dem effektvollen Hintergrund abstürzender Umfragewerte. In friedfertigem Einverständnis haben wir auch den finalen Schachzug hingenommen, der darin bestand, erst das Wort „Sachzwang“, dann „alternativlos“ zu erfinden und beides mantramäßig zu wiederholen, bis allen Beteiligten klar war, dass die Handlungsspielräume von Politik zwischen EU-Gesetzgebung und globalisierter Ökonomie weit genug gegen null tendieren, um den Laden langsam dichtzumachen.
Hinter der Hügelkette am Horizont sind die abgedankten Bürger, „Satellite“ pfeifend, damit beschäftigt, kleine Deutschlandfähnchen an ihren Autos zu befestigen. Haben wir nicht schon während der Parlamentsferien und in der Weihnachtspause regelmäßig gedacht, dass ein Leben ohne Politik eigentlich viel angenehmer ist? Die Welt dreht sich weiter, man vermisst nichts, für Gesprächsstoff sorgen Papst, Prominente und die Fußball-WM. Geistige Beweglichkeit bewahrt man sich durch das Lösen von Sudokus oder indem man die aktuelle Wetterlage möglichst kunstvoll in die Abschiedsformeln seiner E-Mails einarbeitet. Sonnige Grüße aus Hannover nach Berlin! – denn, wie der Ex-Präsidentschaftskandidat in spe schon lange weiß: Auf einen Winter im Sommer folgt der Frühling im Herbst. Bald darf auch Kachelmann wieder aus dem Gefängnis, nachdem er punktgenau am Tag des Ausbruchs eines unaussprechlichen isländischen Vulkans vorübergehend von der Fernsehbildfläche verschwinden musste. Schließlich sollte kein prominenter Fachmann verraten, wozu die Vulkanasche in Wahrheit taugte: Sie verhinderte im kritischen Augenblick, dass wir hoch genug aufstiegen, um Draufblick zu gewinnen. Inzwischen ist die Bodenhaftung vollkommen, weitere Asche auf unseren Häuptern überflüssig.
Ich ziehe die Vorhänge zu, schalte den Wecker aus und lege mich wieder ins Bett. Abdanken ist wie Dauersonntag. Heiteren Gemüts werde ich darauf warten, dass die Regierung im Zuge der Ausarbeitung neuer Sparpläne auf die einzig konsequente Idee verfällt: sich zur Reduzierung der Neuverschuldung selbst einzusparen. Abbitte sehr, Abdanke schön: Bald ist es so weit. Man muss nur lernen, die Stille zu genießen, dann ist das alles gar nicht so schlimm.
|