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Nun am Steuer: Volker Bouffier
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von Hajo Schumacher
Seit vielen Jahren schon ist das Duo Roland Koch und Volker Bouffier unzertrennlich. Die beiden politischen Blutsbrüder halfen sich immer wieder gegenseitig beim Aufstieg an die Spitze. Nun wird Bouffier den Ministerpräsidenten Koch beerben.
Wer sich heute langsam auf das Rentenalter zubewegt, hatte in seiner Jugend ein Idol: Winnetou. Oder Old Shatterhand. Oder beide. Vor knapp 50 Jahren ritten die Freunde erstmals über die Leinwand, kämpften gegen das Böse und sprachen Sätze wie: „Viele Monde sind vergangen, seit unsere Mokassins auf gleichen Pfaden wanderten.“
Das Einzelkind Roland Koch war fernsehsüchtig. Winnetou-Filme bilden ein Fundament seines Bildungs- und Gefühlskanons. Karl Mays Fantasien von Männerfreundschaft im Kampf für das Wahre und Gerechte haben ihn mehr geprägt als jedes CDU-Programm. „Meine Blutsbrüder“ nennt er die übrigen Anführer der Hessen-CDU – Franz-Josef Jung, Volker Bouffier oder Karlheinz Weimar –, mit denen er bisweilen sogar in Urlaub fährt.
Besonders eng fühlt sich der scheidende dem künftigen Ministerpräsidenten Bouffier verbunden. Der sendet zwar alle möglichen Signale aus, nur eines garantiert nicht: Aufbruch. Da schon eher Klüngel. Derzeit schlägt sich der Hardliner Bouffier mit einem Untersuchungsausschuss herum, weil er unter dubiosen Umständen einen Parteifreund zum Chef der Bereitschaftspolizei machte. Seine Qualifikation besteht vor allem darin, viele Monde auf seine Chance gewartet zu haben. „Buffi“ wusste, dass auf seinen Kumpel „Roko“ Verlass ist. So wie immer in den fast 30 Jahren, die sie gemeinsam durch Hessen reiten. „Unser beider Leben hängt zusammen“, sagt Koch in einem seltenen Anflug von Sentimentalität.
Was haben sie nicht alles gemeinsam ertragen? Erst den Haudegen Dregger, der sie nicht ernst nahm. Die Nächte bei Eis und Schnee im klapprigen R4, um sich bei politischen Veranstaltungen mit Tomaten bewerfen zu lassen. „Wir waren ganz schön verrückt“, sagt Bouffier, aber damals wuchs auch dieses Indianer-Gefühl: „Eines Tages zeigen wir’s denen.“ Der Mann, den sie „Buffi“ nannten und den sie für seine fantablonden Haare verspotten, war damals der Häuptling. Er einte die Junge Union aus Nord-, Mittel- und Südhessen, die zerstritten war wie Komantschen, Sioux und Apachen. Anfang der achtziger Jahre kam es zum historischen Friedensschluss. Nach einem ersten Treffen auf der Autobahnraststätte Wetterau besiegelten die Stämme ihren Pakt im schmiedeeisern dekorierten Zechkeller der Kochs bei Bier und Cola. Zweck des Bündnisses: gemeinsam erst an die Spitze der CDU marschieren, dann in die Regierung und auf dem Weg dorthin kein böses Wort übereinander. „Alles, was gemacht wurde, hat Bouffier gemacht“, sagt Koch. „Er hat dafür gesorgt, dass wir nicht vereinzelten.“ Buffis Friedensschluss schuf die Basis für Kochs Karriere.
1987 bestand die Tankstellen-Connection ihren ersten Härtetest. Während der junge Koch auf dem Weg in den Landtag war, hatte der Freund bei der Kandidatenaufstellung gepatzt. Tief enttäuscht wollte Bouffier sich ins Anwaltsleben zurückziehen. Aber Koch überzeugte erst den künftigen Ministerpräsidenten Wallmann und dann seinen Vater Karl-Heinz, designierter Justizminister, den jungen Juristen zum Staatssekretär zu machen. So entstehen Freundschaften fürs Leben.
Buffi und Roko waren sich über tagespolitischen Kleinkram hinweg einig in ihrer historischen Mission: „Wir wollten das Land erobern. Wir hatten die Chance, an einem großen Werk mitzuarbeiten – das klingt pathetisch, aber es trieb uns an.“ Junge Krieger auf Äppelwoi.
Wie belastbar das Indianerehrenwort war, erwies sich wenige Jahre später. 1995 hatte die CDU wieder einmal die Landtagswahl verloren. Manfred Kanther war auf dem Rückzug. Erstmals bot sich der Tankstellen-Bande die Chance, den Fraktionsvorsitz und damit die Spitzenkandidatur für 1999 zu erobern. Aber wer sollte den großen Sprung machen? Der telegene Basketballer? Oder der fleißige Musterschüler Koch, der sich im Landtag schon einen Kampfnamen erworben hatte: „Babykrokodil“ hatte Joschka Fischer ihn getauft.
Die Kandidatenfrage drohte die Verschworenen auseinanderzureißen. Doch Bouffier war schlau. Ohne dass Koch davon wusste, schlug er edelmütig dem Freund vor: „Der Roland ist der Bessere.“ Denn: „Ein Schaulaufen von zwei Jungen, die politisch deckungsgleich sind, aber zeigen wollen, wer der Schönere und der Schlauere ist, wäre für die Truppe verheerend gewesen.“
Blutsbrüder sind Koch und Bouffier nicht nur in der Politik. Auch im Privatleben ticken sie ähnlich. Als Volker Bouffier eines Tages um 16 Uhr überraschend im Eigenheim stand, guckten ihn Frau und Kinder verdattert an. „Was machst du denn hier?“, wollte die Gattin wissen, die den Hausherren nur selten bei Tageslicht sah. „Ich wohne hier“, antwortete Bouffier beleidigt. „Aber nicht um diese Zeit“, konterte die Frau. Der gleiche Dialog hätte sich auch bei den Kochs in Eschborn abspielen können. Sosehr sich die beiden Konservativen als Familienmenschen präsentieren – viel lieber verbringen sie ihre Zeit im Kreise ihrer Stammesbrüder.
Nun geht Koch, und Bouffier soll ihn beerben. Ob er aber seinem Amtsnachfolger wirklich einen Freundschaftsdienst erweist, ist längst noch nicht klar. Dass die hessische CDU 2014 die fünfte Wahl in Serie gewinnt, ist eher unwahrscheinlich. Und wenn er dann abgewählt wird? „Auch egal“, sagt ein alter Tankstellen-Gefährte, „dann besorgt der Roland dem Buffi einen Job, notfalls bei sich in der Kanzlei.“
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