von Klaus Harpprecht
IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn gilt als Garant der deutsch-französischen Beziehungen.
Im aufgeregten Gewusel der Staatsleute und ihrer Finanzexperten, die in den ersten Mai-Wochen mit eindrucksvoller Entschlusskraft ein gewaltiges 750-Milliarden-Paket zum Schutz des Euro gegen die Spekulanten-Offensive schnürten, strahlte ein Mann eine fast heitere Ruhe aus: Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Weltwährungsfonds (IWF), den Time zu den hundert mächtigsten Menschen des Erdkreises zählt. Es war die eigentliche Sensation der Krisenkonferenz, dass sein Institut ein Drittel der Garantien übernimmt. Die Mitwirkung des IWF verdanken wir ohne Zweifel einer gemeinsamen Anstrengung von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy. Seit dem Beginn des griechischen Desasters hatte die Kanzlerin darauf bestanden, dass sich das bedeutendste Geldinstitut neben der Weltbank an der Rettungsaktion beteiligt – zunächst gegen den Widerstand Frankreichs und der Europäischen Zentralbank, die meinten, Europa allein sei kraftvoll genug, die hellenische Insolvenz abzuwenden. Hernach, als das monströse Ausmaß der Misswirtschaft zutage kam, hießen sie Strauss-Kahn aufatmend willkommen – und sie verziehen Angela Merkels entnervendes Zögern, obschon es Tag für Tag Milliarden gekostet hat.
Dominique Strauss-Kahn freilich mochte dankbar sein, dass sie ihm die Gelegenheit bot, seinen Landsleuten auf die natürlichste und hilfreichste Weise zu zeigen, dass er zu den Großen dieser Welt zählt. Das hatte Nicolas Sarkozy kaum im Sinn, als er den fähigsten Wirtschaftsmann der Sozialisten nach Washington schickte. Dies sollte ein Signal der Öffnung nach links sein, doch zugleich wusste er den potenziellen Konkurrenten gern fern von Paris. Fern der Heimat aber wurde Strauss-Kahn, fast ohne eigenes Zutun, der Favorit der Franzosen für die Präsidentschaftswahl – mit einer Zustimmungsrate von fast fünfzig Prozent Sarkozy im Augenblick weit voraus, aber auch der Parteichefin Martine Aubry, die es nur auf sechzehn Prozent bringt, von Ségolène Royal, Sarkos Gegnerin bei der Wahl 2007, nicht zu reden, die auf neun Prozent zurückfiel.
In Amerika ist Dominique Strauss-Kahn aller eifersüchtigen Klüngelei der Partei entrückt. Er führt den Währungsfonds energisch und erfolgreich, nachdem er zu Beginn beinahe über eine Affäre mit einer Abteilungsleiterin gestolpert wäre. Seine Frau Ann Sinclair bat er öffentlich um Verzeihung, und er tat gut daran. Sie ist eine Hausmacht eigener Prägung, lange Jahre die prominenteste Moderatorin eines politischen TV-Programms am Sonntag zur besten Sendezeit, eine brillante Journalistin, schön und charmant – seine wichtigste Alliierte. Sie verzichtete einst auf ihre Sendung, als er in der Regierung von Lionel Jospin das zentrale Ministerium für Wirtschaft, Finanzen und Industrie übernommen hatte – eine Position, von der er zurücktrat, als er in den Verdacht geriet, ein Dokument für die Steuer umdatiert zu haben. Der Vorwurf wurde alsbald vollständig entkräftet.
Seine Karriere zeigt Schrammen – da wäre beispielsweise sein missglückter Versuch, Einlass in die ENA zu finden, die Zuchtanstalt der französischen Elite –, was den 61-Jährigen aber nur menschlicher und attraktiver macht. Ein Hauch des Exotischen lockert seine grundbürgerliche Erscheinung auf. Zwar kam er im noblen Pariser Vorort Neuilly sur Seine zur Welt, aber als Sohn einer wohlhabenden sephardischen Familie, die in Marokko zu Hause war, wo er auch aufwuchs. Dank einer deutschen Gouvernante kann er sich mit Angela Merkel – wenngleich ein bisschen mühsam – in ihrer Muttersprache unterhalten.
Nicht nur darum wäre die deutsch-französische Allianz bei ihm in guten Händen – und damit das Fundament der Union gesichert. Nicht anders als Sarkozy plädiert auch Strauss-Kahn für eine enge Koordination der Wirtschafts- und Finanzpolitik in Euro-Europa: eine Forderung der Vernunft, ja des Überlebens, der sich endlich auch die Deutschen beugen müssen, trotz ihrer Angst vor einer europäischen Wirtschaftsregierung. Jacques Julliard, der Parade-Intellektuelle der Sozialisten, argumentierte mit konstruktiver Verzweiflung, in der Not müsse Europa durch die engste Verschmelzung Frankreichs und Deutschlands noch einmal von vorn beginnen – im Sinne Robert Schumans, der vor 60 Jahren die Politik seines Landes in den Dienst der Versöhnung mit den Deutschen und damit den Aufbau Europas stellte.
Unsere so rasch erregbaren Untergangsapostel in Berlin, Paris und anderswo, die schon so häufig den Bruch der deutsch-französischen Achse geweissagt haben, entlarven sich ein ums andere Mal als die geschniegelten Vettern der härenen Sektierer in der amerikanischen Karikatur, die uns an jeder Straßenecke das Schild „The end is near!“ vor die Nase halten. Nichts da: Europa fängt erst an. Auf unsere französischen Nachbarn ist Verlass. |