von Hans Peter Schütz
Den schwersten Job der Bundesregierung hat der Finanzminister. Griechenkredite, Staatsverschuldung, Haushalt 2011, Ärger mit der FDP. Viele fragen, wie lange Wolfgang Schäuble das noch durchhält. Der Mann im Rollstuhl stellt sich die Frage etwas anders.
Ein Leben im Rollstuhl ist schwer. Man könnte es auch so sagen: Ein Politiker im Rollstuhl führt ein „beschissenes Leben“. Wolfgang Schäuble sagt es zuweilen so – und lächelt dabei. Oder er lässt einen, wie in seinem letzten Sommerurlaub auf der Insel Sylt, die Schulter- und Oberarmmuskeln befühlen. Eisenhart. Das kommt nicht von ungefähr: Mit den Händen jagt er seinen Rad-Rollstuhl gerne auf 15 Stundenkilometer hoch. Dann müssen auch seine Bodyguards kräftig in die Pedale steigen. Diesen Teil seines Lebens im Rollstuhl packt der Bundesminister für Finanzen locker.
Was ein Politiker im Rollstuhl wirklich aushalten muss, sind andere Belastungen. Zum Beispiel den Blick von unten nach oben. Wenn Politiker Eindruck machen wollen, werfen sie sich gern in Positur. Im politischen Konfliktfall kommt es oft genug auf den dominanten Auftritt an. Schäuble dagegen sitzt zusammengedrückt, fast auf Kniehöhe der Kollegen, wenn die Kabinettsbilder gemacht werden. Irgendwie fällt er dann kaum auf, nicht einmal neben Rainer Brüderle.
In dieser Perspektive zu leben, hat Wolfgang Schäuble in den zwei schwierigen Jahrzehnten im Rollstuhl gelernt und gemeistert. Typisch die Szene im harten ersten Jahr seines CDU-Vorsitzes. Der Ehrenvorsitzende Helmut Kohl informiert vor Beginn der Sitzung des Parteipräsidiums die Journalisten im Flur über die aktuelle Lage aus seiner Sicht. Großes Gedränge. Als dann der Vorsitzende Schäuble ankommt, muss er sich seinen Weg bahnen, hinauf zu Kohl blicken und dabei erleben, wie der kein helfendes Wort sagt, auf dass die Presseleute den Mann im Rollstuhl durchlassen.
Inzwischen hasst Schäuble es, wenn teilnahmsvolle Menschen zum Gespräch mit ihm in die Knie vor ihm gehen. Am liebsten unterhält er sich im Sitzen, auf Augenhöhe. Zwar scherzt er zuweilen sarkastisch über sein Handicap. Dann sagt er: „Drei Millimeter höher und ich könnte auch die Arme nicht mehr bewegen.“ Mitleid lehnt er ab. Was ihn dagegen emotional auf Touren bringt, ist dies: Wenn mit seinem Leben und Leiden im Rollstuhl Politik gemacht wird.
Wie es in diesem Frühjahr reichlich geschah. Krank im klassischen Sinne war er seit Jahren nicht mehr. Doch als jetzt nach dem operativen Einsetzen eines neuen Blasenstimulators Entzündungen der Operationswunde auftraten, kam eine Kampagne in Gang, an der sowohl Liberale beteiligt waren wie Christdemokraten, wahre „Parteifreunde“. Das Raunen und Flüstern infiltrierte in die politische Szene die Frage, die man lange ausgeklammert hatte: Wie lange kann es dieser Schäuble noch machen? Müsste der Finanzminister in Zeiten des finanzpolitischen Chaos nicht durch einen Jüngeren ersetzt werden?
Auf die Frage kann man aber auch kommen, ohne damit gleich eine politische Intrige gegen den christdemokratischen Veteranen im Schilde zu führen. Sie drängte sich förmlich auf, als Schäuble, Anfang Mai, während einer dramatischen Krisensitzung der EU-Finanzminister in Brüssel, plötzlich in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste. Finanzminister ist schon in normalen Zeiten einer der schwierigsten Jobs. Dieses Amt verlangt hohe Belastbarkeit, enorme Ausdauer und besondere physische wie psychische Kraft. Schäuble aber muss nicht nur mit der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise fertig werden, sondern auch mit seiner labilen Gesundheit. Er ist konfrontiert mit einer außergewöhnlichen Problem-Gemengelage: Von der Krise der globalen Finanzwirtschaft über den drohenden Staatsbankrott Griechenlands und anderer EU-Staaten, samt den Auswirkungen auf den Euro, bis zur gigantischen Verschuldung des eigenen Haushalts und den nationalen Sparzwängen. Dazu kamen, als Berliner Besonderheit, noch die penetranten Forderungen der FDP, die ihm quasi die Schuld an der Unerfüllbarkeit ihrer eigenen überzogenen Wahlversprechen zuweisen wollte. In dieser Situation die Nerven zu bewahren und vor der Sommerpause einen mehrheitsfähigen Haushalt zustande zu bringen, hätte auch jedem gesunden Amtsinhaber fast übermenschliche Kräfte abverlangt.
Umso deutlicher wird in der Union darüber geredet, ob und wie lange Schäuble diesen Anforderungen noch gewachsen sei. Das geschieht hinter seinem Rücken, aber für ihn deutlich wahrnehmbar. Und natürlich werden dazu passende Namen als Alternativen genannt: Roland Koch und mit Abstand auch Thomas de Maizière. Das Kanzleramt und die Kanzlerin schwiegen dazu. Es war, als wollte man testen, ob Schäuble vielleicht nicht doch mürbe geworden sei. Denkbar ist auch, dass man genau das erreichen wollte – ihn zu zermürben. Schäuble freilich tat alles, um das Gegenteil zu beweisen. Seine engsten Mitarbeiter stöhnten, auch im Bett liegend habe er den Minister nicht weniger demonstrativ gegeben als im Amt am Schreibtisch.
Bei seiner Rückmeldung nach der aktuellen Genesung zeigte Schäuble dann den inneren Zorn über die Attacken aus der Gerüchteküche auf badisch eindeutige und nachdrückliche Weise. Auf einer Pressekonferenz kleidete er den Bericht über sein Befinden in die Worte: „Inzwischen ist mein Sitzfleisch wieder in der Lage, dass ich notfalls auch den Götz von Berlichingen zitieren kann.“ Ein echter Schäuble. Hinterher hat er dann die nach solchen Sprüchen nicht seltene Frage seiner Frau Ingeborg widerspruchslos geschluckt: „Hast du das jetzt wirklich wieder sagen müssen?“
Schäuble hat die Einsicht akzeptiert, „den Rollstuhl kann man nicht besiegen“. Auf eine bestimmte Art ist er damit unverwundbar geworden. Aber es blieben Stellen der Verwundbarkeit. Eben dann, wie in dieser Flüsterkampagne, wenn der Rollstuhl als Argument gegen seine Person eingesetzt wird. Die Frage aller Fragen an Wolfgang Schäuble lautet daher: Warum nur tut dieser Mann sich auch das noch an?
Im neuen Bundestag ist er immerhin der Dienstälteste. Seit 37 Jahren ist er Abgeordneter. Dabei hatte es nur ein vorübergehender Ausflug in die Politik sein sollen, als er 1972 für die Junge Union kandidierte und ein Mandat gewann. Bleibt er, wovon man ausgehen sollte, die volle Legislaturperiode, schließt er auf zum bisherigen für unerreichbar gehaltenen Rekordhalter Richard Stücklen. Der CSU-Mann hatte es auf 41 Dienstjahre gebracht. Doch Stücklen hat nicht im Rollstuhl gesessen, musste nicht von unten nach oben schauen.
Viele haben sich gewundert, dass Angela Merkel ausgerechnet Wolfgang Schäuble an die Spitze des Bundesfinanzministeriums geholt hat, den Mann, der Anlass hätte, ihr im Rückblick zu grollen. Immerhin hat die Kanzlerin seinerzeit, nach dem Machtverlust 1998, als Generalsekretärin aktiv an Schäubles Sturz als CDU-Chef und Fraktionsvorsitzender mitgewirkt. Entgegen einer internen Absprache hat sie damals, an Schäuble vorbei, mit einem Artikel in der FAZ wegen der CDU-Spendenaffaire zur Trennung vom Ehrenvorsitzenden Kohl aufgerufen und Schäuble damit desavouiert. Danach nutzte sie gnadenlos die entscheidende Schwachstelle Schäubles: Im Getümmel um Kohls Schwarzgeldaffäre war er in der Hitze einer Bundestagsdebatte in Sachen Spendengelder des Waffenlobbyisten Schreiber in eine Unwahrheit geflüchtet. Sie brachte ihren Fraktionsvorsitzenden damit um die letzte Chance, doch noch Kanzler zu werden.
Später musste Schäuble noch einmal als Bauernopfer in Merkels Schachspiel um die Macht herhalten, indem sie die ihm von der Berliner CDU angetragene Kandidatur fürs Amt des Regierenden Bürgermeisters hintertrieb. Und als schließlich das Amt des Bundespräsidenten zu besetzen war, nutzte sie das entscheidende Treffen mit Edmund Stoiber und Guido Westerwelle in der Wohnung des FDP-Vorsitzenden dazu, Schäuble einmal mehr auszubremsen.
Trotz dieser Vorgeschichte ist es nicht wirklich verwunderlich, dass die Kanzlerin Schäuble das schwarz-gelbe Schlüsselressort anvertraute. Vielmehr ist es charakteristisch für Merkel, die Machtpolitikerin. Denn aus der Sicht der Kanzlerin besitzt Schäuble die in ihrer Situation wichtigste Eigenschaft: Er kann bis zur Selbstbeschädigung loyal sein, auch gegenüber Partnern, die – wie einst auch Helmut Kohl – diesen Charakterzug rücksichtslos zum eigenen Vorteil ausbeuten. So gesehen hätte Angela Merkel keinen besseren Partner für den Job finden können.
Qualifiziert dafür ist er ohnehin. Als junger Mann hat Schäuble selbst in der Steuerverwaltung gearbeitet, als Oberregierungsrat. Kein Politiker kann einen derart umfassenden, vielfältigen Ämterweg vorweisen: Parlamentarischer Geschäftsführer, Kanzleramtsminister, Innenminister, Fraktionschef im Bundestag, Parteivorsitzender. Die sogenannten Petersberger Beschlüsse, mit denen die CDU schon einmal in den neunziger Jahren eine große Steuerreform wagen wollte, hatte er ersonnen. Und im neuen Amt warnte er die Bürger vom ersten Tag an: Versprecht euch nicht zu viel von der kommenden Steuerreform. Vom FDP-Mantra einer massiven Steuersenkung hält er wenig bis nichts, was er sie immer mal wieder wissen lässt. Jetzt hat es auch Angela Merkel verstanden.
Welche politische Kärrnerarbeit er sich im neuen Job mit der FDP im Rücken aufhalste, hat er bestimmt gewusst. Die Liberalen liebten ihn noch nie. Sie waren es (zusammen mit der CSU), die Helmut Kohl in den letzten Amtsjahren nimmermüde davor warnten, ihn als Kanzlerkandidaten zu präsentieren. Was treibt diesen Mann dennoch so rücksichtslos gegen sich selbst voran? Gewiss, ein protestantischer Pflichtmensch war der Mann aus Baden immer; ohne ihn wäre Kohl nicht 16 Jahre Kanzler geblieben. Aber woher kommt die, viele Weggefährten erschreckende Energie, mit der er die Politik im Rollstuhl bis heute angenommen hat? Die ihn in den Jahren nach der Wiedervereinigung, trotz Rollstuhl, zu einer Art Nebenkanzler im Kabinett Kohl gemacht hat.
Die Antwort auf die wichtigste Frage im Leben Schäubles nach dem 12. Oktober 1990, als ihn die Schüsse eines Psychopathen lähmten, fiel in den langen Monaten nach seiner Rückkehr aus der Freiburger Uniklinik, wo Kohl an seinem Bett geweint haben will, und dem verzweifelten Bemühen Schäubles, das neue Leben zu lernen – ein Leben ohne Tränen. Als er im Keller seines Hauses an einem steilen Hang im Städtchen Gengenbach zum ersten Mal seit seiner Kindheit wieder Geige zu spielen versuchte, um den Fingern ein wenig Beweglichkeit abzuzwingen. Wo er das zeitraubende Leben im Rollstuhl lernen musste. Der kippte einmal nach hinten um, und er lag hilflos am Boden und konnte sich nicht verzeihen, dass er es nicht schaffte, sich alleine wieder aufzurichten. Da weinte er vor Zorn über seine Hilflosigkeit.
Im Gegensatz zu seiner Frau hat Schäuble nie den Glauben an sich herangelassen, es könne sich alles wundersamerweise wieder zum Besseren wenden. Ingeborg Schäuble: „Ich habe gedacht, dass wir eine Verbesserung seines Zustandes erreichen könnten, wenn er mehr Zeit hätte für sich und seinen Körper.“ Zuweilen setzte sie sich selbst in den Rollstuhl, um als „Fußgängerin“, wie Querschnittsgelähmte die Menschen nennen, die auf zwei Beinen stehen können, zu lernen, wie die Welt von unten aussieht.
Eines Tages akzeptierte das Ehepaar die Situation eines neuen, anderen Lebens. Ingeborg Schäuble schlug ihrem Mann schließlich vor, mit der Politik unter der Mühsal einer Querschnittslähmung Schluss zu machen. In ihrem Lebenstraum war ohnehin als Ehemann stets ein Professor oder Richter eingeplant gewesen. Doch Schäubles Antwort, verpackt in Form einer Frage, war eindeutig: „Willst du wirklich – nachdem ich diese dramatische Veränderung in meinem Leben verkraften muss und die du auch aushalten musst –, dass ich eine zweite dramatische Veränderung aushalten muss, nämlich ein Leben ohne Politik? Wäre das gut für dich und die Familie?“
Ingeborg Schäuble hat die Antwort akzeptiert, wie sie ihren Mann vor und nach dem Attentat stets akzeptiert hat – allerdings mit offenem Visier. Dass er seinerzeit als wichtiges Mitglied der „Kampfgruppe Kohl“ geradezu verbissen für dessen Kanzlerschaft in den siebziger Jahren kämpfte, beobachtete sie mit innerer Distanz. Als später, nach der deutschen Vereinigung und dem Attentat, die Frage zu beantworten war, ob ein Mann im Rollstuhl Kanzler sein könne, sagte sie mutig: „Nein, denn da habe ich große Bedenken. Klar ist zwar, dass er den Job stemmen würde, aber das Bild eines Kanzlers im Rollstuhl ist nicht leicht zu vermitteln.“
All die Jahre war er einer der wichtigsten Wegbereiter Kohls und sein bester Machtverteidiger. Selbst als dessen Führungsschwäche offenkundig war, stand er an seiner Seite – mit unübertrefflicher Loyalität. Den CDU-internen Putschversuch im Sommer 1989 hätte Kohl ohne Schäubles Unterstützung politisch kaum überlebt. Gedankt hat der Pfälzer es ihm nie. Noch zwei Jahre vor dessen Abwahl 1998 sagte Schäuble über den Kanzler: „Kohl ist unsterblich.“ Natürlich wusste er dies zu diesem Zeitpunkt längst besser, wollte selbst unbedingt Kanzler werden. Aber Kohl stürzen wie Herbert Wehner einst Willy Brandt? Das konnte er nicht, das war nicht seine Art.
Schäuble vergleicht seine Funktion in der deutschen Politik zuweilen mit der Situation des Sisyphos. Er kann bis zur Selbstbeschädigung loyal sein, auch gegenüber Partnern, die wie Kohl, aber auch Merkel, dies für sich zu nützen wissen. Immer wieder müht er sich selbst dann, die aufgebürdete Last nach oben zu bringen. Das sei, wie er gern sagt, „ein Stück weit“ sein Politikverständnis. Ein Stück weit? „Ich glaube nicht, dass es in der Politik Endziele gibt. Es geht immer weiter. Der Weg ist das Ziel.“ Obwohl – zuweilen stellt er sich dann doch auch selbst die Kernfrage seines politischen Lebens: „Warum tue ich mir das an?“
Aus Loyalität? Aus purem Pflichtbewusstsein? Loyalität hin, Pflichtgefühl her, für die Kanzlerin steckt ein gewisses Risiko in dieser eigentümlichen Verbindung. Sie hat jetzt an der Schlüsselstelle einen Partner, der völlig unabhängig von ihr denkt. Der zwar einen faustischen Pakt mit der Politik geschlossen hat. Der aber auch weiß, dass diese Kanzlerin, deren kühles Machtkalkül er kennt, ihn heute mehr braucht als jemals zuvor. Mag sein, dass darin für ihn auch ein Quantum Genugtuung steckt.
Aber ist die Frage, warum er sich das antut, damit beantwortet? Vermutlich gibt den besten Aufschluss die sehr menschliche Antwort, die Ingeborg Schäuble auf die Sinnfrage ihres Mannes gibt: „Jedes Leben ist lebenswert, wenn es bewusst sein kann. Für meinen Mann ist das Leben sehr lebenswert. Für uns alle ist es ganz wichtig, dass er da ist. Aber ich denke, auch für ihn ist es ganz schön.“ |