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Lauter Kriege im Frieden
von Monika Maron

Seit 65 Jahren schweigen die Waffen in Deutschland, aber die Welt ist nicht friedlicher geworden. Wir taumeln von Katastrophe zu Katastrophe und drohen zu vergessen, was uns außer unserem Wohlstand kostbar ist: die Freiheit .

Meine Mutter wurde im Ersten Weltkrieg geboren, ich im Zweiten. Danach haben wir im Kalten Krieg gelebt, aber der galt schon als Frieden. Häuser wurden von Abrissbirnen zerstört, nicht von Bomben, im Osten wurden sie dem Verfall überlassen. Seit fünfundsechzig Jahren leben wir im Frieden. An jedem Tag dieser Jahre gab es Krieg, in Asien und Afrika, aber nicht bei uns. Nur in den ältesten Deutschen rumort noch die lebendige Angst vor dem Krieg, für die nachfolgenden Generationen ist sie zu einem Phantom geworden. Wahrscheinlich haben die meisten Menschen mehr Angst vor der Hühner- oder Schweinegrippe, vor genetisch veränderten Kartoffeln, Alzheimer oder einem Flugzeugabsturz als vor einem Krieg im eigenen Land. Das ist schön, ein schönes Leben, so schön und friedlich, dass manche es gar nicht aushalten und darum an den Wochenenden zu Fußballspielen fahren, um sich da mit den Fans der gegnerischen Mannschaft zu prügeln, bis das Blut fließt. Oder sie stürzen sich an Gummiseilen in die Tiefe und surfen auf S-Bahn-Dächern, weil sie Sehnsucht nach Gefahren haben. Unsere Gefahrenrezeptoren sind unterbeschäftigt, und wenn sie nicht durch Extremsportarten oder andere waghalsige Unternehmungen herausgefordert werden, suchen sie sich ihre Arbeit selbst. Sie blähen jede Herausforderung zur Katastrophe auf, sie durchleuchten die Lebensmittel, durchschnüffeln die Luft nach Elektrosmog und Feinstaub, testen die Hunde, belauern die Computer und signalisieren Gefahren. Täglich, stündlich, sagen unsere Gefahrensensoren, sind wir von Gefahren umgeben. Wir können unseren Frieden gar nicht genießen, weil er uns nicht wie Frieden vorkommt. Das Klima, das Fischsterben, das Passivrauchen, der Atommüll – überall droht uns der Untergang. Das Seltsame ist: Die Gefahren werden nicht weniger. Kaum haben wir eine gebannt, wie die Tuberkulose, oder gemildert, wie die Verkehrstoten, oder es hat sich eine als Fehlalarm erwiesen, wie das Waldsterben, taucht eine andere auf, die wir davor gar nicht bemerkt haben, wie zum Beispiel die Dehydrierung, wenn wir nicht jeden Tag drei Liter Wasser trinken, was sich inzwischen aber auch als Noterfindung unserer gelangweilten Gefahrenrezeptoren erwiesen hat.

Während wir uns so von einer vermeintlichen Katastrophe in die nächste jagen lassen, scheint es, als sei uns der Sinn für die wirklichen Bedrohungen unseres Friedens abhandengekommen; oder schlimmer: als stellten wir uns absichtlich blind und taub, weil wir uns gar nicht vorstellen wollen, dass es ein Ende haben könnte mit unserem friedlichen Leben und den sicheren Städten, in denen man sich auch nachts kaum fürchten muss. Im Gegenteil: Je sicherer unser Leben geworden ist, je enger das Fürsorgenetz um unsere Gesundheit, Ernährung, Bildung und Lebensgewohnheiten geknüpft wird, umso unerträglicher werden die Sicherheitslücken. Jeder Tote ist einer zu viel, natürlich. Und darum werden demnächst rote, gelbe und grüne Punkte auf Lebensmittel geklebt, damit auch der letzte Analphabet begreift, dass Zucker und Fett dick machen und er sich daran nicht zu Tode essen darf. Das sind Friedenssorgen.

Nur wer in Vierteln lebt, in denen der Staat verzweifelt um sein Gewaltmonopol kämpft, in Berlin-Neukölln oder am Hamburger Mümmelmannsberg, kennt unseren Frieden schon heute nicht mehr.

Die Statistiken und Prognosen sind bekannt und öffentlich. Die deutsche Bevölkerung schrumpft und altert. Die Integration der Zuwanderer, vor allem aus der Türkei und den arabischen Ländern, ist bisher gescheitert. Vierzig Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund verlassen die Schulen, ohne sich für eine Berufsausbildung qualifiziert zu haben, was zu einem Facharbeitermangel bei gleichzeitiger Massenarbeitslosigkeit führt. Nur zehn Prozent der muslimischen Migranten heiraten deutsche Partner. In absehbarer Zeit wird die jüngere Generation der Zuwanderer die Bevölkerung in den Städten dominieren. Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg warnt vor einem Kulturabbruch. Die Wirtschaft wird an Leistungskraft verlieren, die Steuereinnahmen werden sinken, die Sozialsysteme und das Gesundheitswesen werden nicht mehr finanzierbar sein, wenn die Bildungsverhältnisse nicht revolutioniert werden und die Kluft zwischen den angestammten und den zugewanderten Bewohnern dieses Landes sich nicht schließen lässt. Es braucht keinen Krieg, um ein Land zu erobern.

Gleichzeitig, und wer könnte es ihnen verdenken, drängen die hungernden Afrikaner nach Europa. Wir schicken sie zurück, wir sperren sie ein, aber sie werden kommen, ehe sie in ihren eigenen Ländern verhungern oder verdursten. Wir werden nicht so weiterleben können, wie wir leben. Wenn wir Glück haben, bleibt uns der Frieden erhalten, aber es wird ein anderer, härterer Frieden sein.

Eigentlich wissen wir alle, dass keins unserer großen Probleme noch auf nationaler Ebene zu lösen ist. Die Energie, das Klima, die wandernden Menschenströme, die Wirtschaft, der Terrorismus, Krieg und Frieden – alles hat Ursachen und Folgen, die außerhalb nationaler Entscheidungsmacht liegen. Zugleich sind wir über jede der kleinen und großen Katastrophen rund um die Erde minütlich unterrichtet. Hungernde Kinder, zerfetzte Leiber, Gefolterte, Verstümmelte, Erschossene suchen uns täglich heim, und je nach Temperament fühlen wir uns zum Helfen oder Eingreifen aufgefordert, ohne wirklich helfen oder eingreifen zu können, außer ein bisschen Geld auf die eingeblendete Kontonummer zu überweisen. Es ist oft schwer, das auszuhalten, und manchmal führt der Wunsch, die Welt zu ändern, zu Fehlurteilen. Ich gehörte zu den Befürwortern des zweiten Golfkriegs, weil ich dachte, einen Diktator und Mörder wie Saddam Hussein zu stürzen, könne, selbst bei zweifelhaften Motiven, nicht falsch sein. Es war falsch. Man muss auch einen Saddam Hussein aushalten, wie man Ahmadinedschad aushalten muss, die Beschneidung und Ermordung von Frauen, die Kinderarbeit, sogar Kriege müssen wir aushalten, ohne selbst Krieg zu führen. Dabei, und auch diesen Gedanken müssen wir ertragen, hängen die Kriege und das Elend in anderen Teilen der Welt und Europas Frieden und Wohlstand durchaus zusammen. Man muss gar nicht unsere Abhängigkeit vom Öl bemühen, es reicht ein Blick ins Gemüseregal, wo Kiwis, die immerhin eine lange Reise hinter sich haben, für zwanzig Cent angeboten werden, während ein Schälchen Stachelbeeren daneben, von deutscher Hand gepflückt, zwei Euro fünfzig kostet oder mehr. Wenn wir von sozialem Frieden sprechen, meinen wir gemeinhin eine verträgliche Differenz zwischen Managergehältern und Hartz-IV-Sätzen. Aber so global wie die Wirtschaft ist auch der soziale Frieden oder Unfrieden. So gesehen kann man sagen, wir leben im Frieden und im Unfrieden zugleich.

Wir werden so nicht weiterleben können und sollten uns darum, solange noch Zeit ist, fragen, was wir für verzichtbar halten und was für absolut unverzichtbar, was wir aufgeben müssen und was wir aufgeben wollen.

Warum haben wir uns eigentlich damit abgefunden, als Material für die Wirtschaft zu dienen, unser ganzes Menschsein dem Kriterium der Effektivität zu unterwerfen, uns selbst und unsere Kinder ständig als Geldwert berechnen zu lassen, sodass es scheinen könnte, als sei uns das, was sich als Geldwert nicht benennen lässt – Liebe, Freundschaft, Beistand – gar nichts wert und als sei materieller Wohlstand alles, was unseren Frieden ausmacht.

Ich war einmal dabei, als eine türkische Freundin einem deutschen Fatalisten leidenschaftlich aufzählte, was sie an der deutschen Gesellschaft schätzt: dass jeder vor Gericht sein Recht einklagen kann; dass er behandelt wird, wenn er krank ist; dass jeder überall seine Meinung vertreten darf; dass jedem, der lernen will, Schulen und Universitäten offenstehen; die solidarische Gesellschaft, die Pressefreiheit, das Recht aller Männer und Frauen, nach ihren Fähigkeiten und Neigungen zu leben; die Freiheit, die Freiheit vor allem.

Ich habe kaum je einen Deutschen gehört, der so überzeugend gepriesen hätte, was wir für die selbstverständlichen Voraussetzungen unseres Lebens halten. Aber solange wir selbst nicht benennen, was uns außer unserem Wohlstand kostbar ist und worauf wir unter keinen Umständen verzichten wollen, werden wir die Zuwanderer aus anderen Kulturen und mit anderen Traditionen kaum davon überzeugen können, dass Deutschland mehr ist als ein Land, an dessen Wohlstand man partizipieren kann. Aber genau das muss gelingen, wenn es friedlich bleiben soll.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Mai 2010

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Leserkommentare
M Held (Newtown USA) 16.07.2010
Den Artikel habe ich sehr genossen. Danke. Aber Diktature und Menschenrechtsverletzungen geht nicht. Diese muessen wir unter allen Umstaenden bekaempfen, nicht immer (aber schon manchmal) mit militaerischen Mittelen.
gondolo (Karlsruhe) 26.05.2010
Wir müssen alles aushalten. Hätten Schröder u. Fischer nicht die Welt gegen Bush `s Golfkrieg aufgehetzt, sondern Solidarität gezeigt, so hätte er nicht stattgefunden: Saddam wäre abgehauen. Fischer u. Schröder haben ohne UNO einen Angriffskrieg in Jugoslawien begonnen !Wir müssen alle Politiker aushalten: sie tun alles, egal was, um wiedergewählt zu werden !
Nema () 26.05.2010
Also ich bin schon leidenschaftlicher Liberaler (für Meinungsfreiheit und den Gerichtsweg!). Aber dennoch: Wenn wir die Nichtanerkennung dieser Rechte in der Welt aushalten können, müssen wir erst recht ihre Gleichgültigkeit im eigenen Land aushalten können.
Wir müssen es ja auch aushalten, dass die Briten oder Amerikaner uns wegen solcher Einrichtungen wie dem Einwohnermeldeamt für eine quasi-Diktatur halten mögen...

Und die Sache mit dem Extremsport ist Quatsch: Die Menschliche Natur sucht immer die Gefahr, ob um in Furcht davor zu erstarren oder ob ihr mutig entgegenzu treten.

Desweiteren ist das deutsche politische System selbst auch reformbedürftig! Der ethische Minimalkosens kann die Leute natürlich nicht ihr Leben lang begeistern.
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Monika Maron
Monika Maron ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien von ihr "Endmoränen" (S. Fischer Verlag).


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