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Unaufrichtig im Krieg
von Christoph Bertram

Immer mehr Bundeswehrsoldaten fallen in Afghanistan, doch unsere Politiker wollten jahrelang nicht zugeben, dass es dort um Bündnistreue und nicht um die Sicherheit der Deutschen geht.

Seit bald neun Jahren kämpfen deutsche und verbündete Soldaten in Afghanistan. Sie wurden in Marsch gesetzt, um dem Partner Amerika bei der Stabilisierung des Landes beizustehen. Die USA waren von dort aus, genauer: von AlQaida-Terroristen, unter dem Schutz des Taliban-Regimes angegriffen worden. Das deutsche Operationsgebiet wurde bewusst im damals ruhigen Norden ausgesucht. Inzwischen hat der Krieg auch diesen Teil Afghanistans und – mit gehöriger Verspätung – das Bewusstsein der Deutschen erreicht.

Das einstige Unwort „Krieg“ ist zum politisch korrekten Begriff geworden, Politiker werden sogar der Ehrlichkeit gerühmt, wenn sie es in den Mund nehmen. Aber noch immer tun sie mit Vorliebe so, als bedeute die Entwicklung in Afghanistan eine unmittelbare Bedrohung deutscher Sicherheit, wie von Feinden vor unseren Toren.

„Wir stehen“, so hat Außenminister Guido Westerwelle den jüngsten Anschlag kommentiert, „in diesem schweren Moment vereint hinter den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die in Afghanistan ihr Leben einsetzen, um auch unsere Freiheit zu verteidigen.“ So hatte schon Ex-Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) die Region am Hindukusch gleichsam zum unmittelbaren Nachbarn der Bundesrepublik erklärt: Wo unsere Freiheit bedroht ist, muss sie verteidigt werden. Mit anderen Worten: Der Krieg, der lange nicht so genannt werden durfte, sei ein notwendiger Krieg.

Überzeugend ist das nie gewesen. Durch ihr Verhalten hat die deutsche Politik dies auch indirekt zugegeben. Bedeutete Afghanistan wirklich eine ernste Gefährdung der Bundesrepublik, wäre die Entsendung von einigen Tausend Soldaten eine sträflich ungenügende Antwort. Unverantwortlich wäre schon jetzt der Tod deutscher Soldaten – bei Redaktionsschluss 43, davon 26 bei Anschlägen und Gefechten – als gleichsam unvermeidliches, hinnehmbares Opfer für die bedrohte Nation. Und haltlos wäre unter diesen Prämissen der Plan, auf absehbare Zeit mit dem Abzug zu beginnen.

In Afghanistan ging und geht es aber nicht um die unausweichliche Abwehr einer existenziellen Gefahr für die Bundesrepublik. Unser Engagement dort ist, wie die Angelsachsen sagen, ein war of choice, kein war of necessity, ein gewollter, kein notwendiger Krieg. Weil der Staat auf derartige Gefährdungen seiner Sicherheitsinteressen militärisch reagieren kann, es aber nicht muss, steigen jedoch die Anforderungen erheblich, wenn er solche Einsätze rechtfertigen will. Dieser Verantwortung haben sich unsere Politiker nicht gestellt, sondern sich ihr durch Vieldeutigkeiten entzogen.

Das deutsche Afghanistan-Engagement haben sie gleichzeitig als notwendigen Schutz unserer Freiheit dargestellt und als militärisch flankierte Entwicklungshilfe. Kein Zweifel: viel guter Wille, viel Geld und viel Hoffnung wurden und werden aufgebracht, um dem zerrütteten und nie staatlich gefestigten Land ein wenig auf die wackligen Beine zu helfen. Die Erfolgsaussichten dafür waren nie günstig und haben sich ständig verdunkelt.

Aber selbst wenn es um Afghanistan besser stünde: Kann denn die Teilnahme an ferner Aufbauarbeit die Entscheidung rechtfertigen, Soldaten in Gefahren für Leib und Leben zu entsenden? Die Bundesrepublik ist keine Rot-Kreuz-Organisation, Regierung und Parlament sind vorrangig dem Wohl des eigenen Volkes und seiner Bürger verpflichtet; nicht umsonst schwören Kanzler und Minister dies in ihrem Amtseid.

Hilfe für Arme und Bedrängte jenseits unserer Grenzen, so nötig sie ist, kann den Befehl, Soldaten in Lebensgefahr zu bringen, nicht rechtfertigen. Am Grab eines Entwicklungshelfers ist die Erklärung, der Verstorbene habe Menschen im Elend geholfen, Rechtfertigung des Opfers und Trost zugleich. Wenn die Bundeskanzlerin weiter am Grab der jüngst am Hindukusch Gefallenen sprechen wollte, müsste sie konkret die nationalen Interessen benennen, für deren Einsatz sie ihr Leben ließen.

Schwer ist das nicht: Es sind in Afghanistan immer noch dieselben Interessen wie vor neun Jahren: Bündnistreue zu den USA und deutsche Glaubwürdigkeit im westlichen Bündnis. Ihnen dienen unsere Soldaten auch heute, deshalb müssen sie ihren Dienst dort fortsetzen und auch ihr Leben riskieren.

Aber Bündnistreue ist nicht Vasallentreue. Allzu lange haben Bundesregierungen die Formulierung der strategischen Ziele in Afghanistan den USA überlassen und es im Bündnis vermieden, Sinn und Dauer des Engagements gemeinsam kritisch zu überprüfen. Zu ihrer Entlastung haben andere damit begonnen. Noch in diesem Jahr werden die Niederlande (Verluste bisher: 21) mit dem Abzug ihrer Truppen beginnen, bis Dezember 2011 die Kanadier (Verluste bisher: 142) ihren abgeschlossen haben. Ab Juli nächsten Jahres werden auch die USA (Verluste bisher: 1044) erste Soldaten abberufen.

Das Ende dieses langen, in Deutschland mit viel Unaufrichtigkeit und Halbwahrheiten mitgeführten Krieges ist zwar nicht abzusehen und damit auch nicht ein Ende des Leidens der Afghanen. Abzusehen ist jedoch die Zeit, in der er von den deutschen und anderen fremden Truppen, die ihnen vergeblich beistehen wollten, noch mehr Opfer verlangen wird.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Mai 2010

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Leserkommentare
Rainer Kähni (F-06410 Biot) 10.08.2010
Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge und hört irgendwann einfach auf. Sieger oder Besiegte gibt es selten. Die Semantik vom "aufständischen" Taliban ist eine dieser Lügen. In einem Land X herrscht eine Regierung mit mittelalterlichen, sicher auch verbrecherischen Methoden. Die Nato fällt in dieses fremde Land ein, stürzt deren Regierung und gibt das als Befreiung aus. Die Mehrheit der Bevölkerung wehrt sich gegen die Invasoren und werden künftig als "Aufständische" und " Terroristen" bezeichnet. Dies sei ein humatärer Einsatz, so die Lügen der Politiker! Mit dieser Doktrin könnte die Bundeswehr auch in Somalia, Ruanda, Mali, Nigeria, Liberia, Lybien, Sudan usw.usw. einmarschieren. Warum tut sie es nicht? Weil schon die Begründung eine Lüge ist. Es ging nie um humanitäre Hilfe, es ging um Vasallentreue und ganz profane Wirtschaftsinteressen. Der Rest waren Rabulistik, Naivität, Gutmenschentum, Heuchelei und die immer währende Verletzung des Grundgesetzes. Das "beste" kommt jedoch immer zum Schluss: Der abstossende Betroffenheitskitsch an den Särgen der gefallenen Soldaten, die im sinnlosesten Krieg seit der Erfindung des Schiesspulvers ihr Leben verloren haben! Alexander der Grosse hat sehr schnell begriffen, dass man Afghanistan meiden sollte, Die Briten verliessen es fluchtartig, die Russen haben es schmerzlich erfahren müssen. Wann wird ein deutscher General den Mut haben und aufstehen, um den Politikern im fernen Berlin ein entschiedenes " Nein!" zuzurufen?
Yvonne Walden (41334 Nettetal) 23.06.2010
Nachdem inzwischen bekannt wurde, daß im Untergrund der Wüsten des rieisgen Staatsgebiets von Afghanistan Bodenschätze lagern, die einen Billionenwert besitzen, wird zunehmend klarer, worum es beim "Kampf gegen die Taliban" eigentlich geht. Mittlerweile leugnen auch deutsche Politikerinnen und Politiker zumindest nicht mehr, daß es sich dort um einen "Krieg" handelt. Warum nicht die ganze Wahrheit eingestehen? Die westlichen Industriestaaten sind massiv daran interessiert, Afghanistan "in ihren Besitz" zu bringen, um die dortigen Bodenschätze ausbeuten zu können. Wer Gegenteiliges behauptet, sagt nicht die ganze Wahrheit.
william wolfo (Berlin) 23.06.2010
Die Offenheit des Artikels ist eine Besonderheit im Vergleich zu allen anderen Medien. Es gilt die Regel: Je "namenhafter" die Publikation, desto "inhaltsloser". Dabei erkennt doch ein Jedermann, wenn er einfach selbst denkt: Zur "Treue" gegenüber der reichen und ausgerüsteten Macht entscheidet man sich aus sehr schlichten Motiven. Die Wahrheit ist, dass hier die Seele der Räuber ihren Ausdruck findet. Es ist der Kampf gegen das Böse in uns, wie zeitlebens geführt wird. Was Sie im Artikel beleuchten, ist nur (aber immerhin) die Oberfläche der Handlungen dieser zwanghaften Wesen.
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