Cicero Startseite | RSS-Feed | Facebook | Twitter | Kontakt | Abo | Als Startseite festlegen
 Anzeige
druckenIhre MeinungArtikel versenden
zoom
Mitten im Ententeich
von Willi Winkler

Als Anne Will zu den Tagesthemen kam, war sie einfach das „bessere Fernsehen“ – frech, kritisch, ironisch und, wenn es sein musste, streng mit den Interviewpartnern. Jetzt ist sie da gelandet, wo einst Sabine Christiansen saß - mitten im Ententeich.

Wenn sie dieses Görenlächeln zeigte, ein trotziges, fast schon sommersprossiges Grinsen wie auf frischer Tat ertappt und sogar noch stolz auf das, was sie eben wieder angestellt hatte, wenn sie dazu auch noch die rechte (vom Zuschauer aus gesehen: die linke) Augenbraue hob, dann war sie einfach das bessere Fernsehen. Bereits in der Hinführung zu dem Interview ironisierte sie den Gesprächspartner und damit auch den allzeit regierungstreuen ARD-Journalismus der Tagesthemen, indem sie dazu die Augenbraue hob.

Anne Will tauchte im Frühjahr 2001 abends um halb elf regelmäßig in den Tagesthemen auf. Damals war sie 35 Jahre alt. Während ihr Kollege Ulrich Wickert den Zuschauern mit gedehntem „u“ eine „geruhsame Nacht“ wünschte und dazu beziehungsreich zwinkerte, setzte Anne Will den Politikern zu, fragte bei Gerhard Schröder, bei Edmund Stoiber, sogar bei Ferdinand Piëch streng nach. Sie gewann immer, weil bei allem diese Braue mitfragte: Meinen Sie das ernst? Soll ich das glauben? Anne Will gewann, weil sie – einmal muss es doch heraus –, weil sie ein Mädchen ist. Und weil sie schwarze Haare hat.

Wickert ging in den Ruhestand und Tom Buhrow kam, der so bubenhaft sein sollte, wie Anne Will mädchenhaft war, aber neben ihr nur schwerfällig wirkte. Anne Will wurde bald befördert. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen befördert gern, und es befördert besonders gern junge Frauen. Allerdings scheint es auf dem Weg nach oben eine Kurve zu geben, aus der es schon manche Fachkraft getragen hat.

Man könnte sie die Susan-Stahnke-Kurve nennen. Susan Stahnke? Das war die Tagesschau-Sprecherin, die es in hohem Bogen rausfetzte, als sie glaubte, sie müsste ihr Blondsein noch extra betonen, indem sie in einem C-Picture Karin Göring oder sonst eine Hannelore spielte. Daraus wurde nichts oder nicht mehr als ein pädagogisch besonders wertvoller Auftritt als darmgespiegelte Krebsvorsorgerin. Oder die gleichfalls sehr blonde Tagesschau-Vorleserin Eva Herman, die aus den bevölkerungspolitischen Erkenntnissen Frank Schirrmachers und Kai Diekmanns eine leicht vergangenheitslastige Familienpolitik zusammenrührte und damit so dringlich um Mutterschutz nachsuchte, dass selbst der lammfromme Johannes B.Kerner die Geduld verlor.

Oder Sabine Christiansen. Auch sie kam von den Tagesthemen, auch sie verfügte über das vorschriftsmäßige ARD-Blond, und auch sie wurde befördert. Sabine Christiansen bekam „Sabine Christiansen“, die lauteste Talkshow des Landes. „Sabine Christiansen“ versuchte den Systemumsturz. Das System hieß seinerzeit – die Älteren erinnern sich vielleicht noch – Rot-Grün und sollte und musste auf jeden Fall weg. Auch die nachfolgende Konstellation, die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD, musste weg-weg-weg. Dafür bot „Sabine Christiansen“ eine Kreisch- und Schimpfbühne, auf der niemand so oft auftrat wie der Krawallero Guido Westerwelle.

Die Regierung war längst angezählt, aber dann passierte das Ungeheuerliche: Die Zuschauer hatten genug. Sie konnten „Sabine Christiansen“ nicht mehr sehen.

Nicht die mangelnde Begabung machte Sabine Christiansen den Garaus, sondern ihr ungeheurer Erfolg. Nach beinah zehnjähriger außerparlamentarischer Opposition war die Rechtshuberei einfach nicht mehr auszuhalten. Ihre Nachfolgerin wurde 2007 Anne Will beziehungsweise „Anne Will“.

Wenn die Messung zutrifft, dass der deutsche Fernsehnutzer eine Talkshow im Schnitt nur acht Minuten erträgt, ehe er seine Macht ausspielt und die Fernbedienung sprechen lässt, ist es egal, in welcher Talkshow er für die paar Minuten hospitiert – sie gleichen sich ja doch wie eine Frau der anderen. Sandra Maischberger und Maybrit Illner haben von der Ehren-Frau Reinhold Beckmann gelernt, dass Politik menschlich sein muss und dass nichts menschlicher ist als greise, gern auch faltenreiche Politiker, die mit vielen Sätzen nichts sagen, das aber immer wieder.

Wenn dann zum Wochenausklang Anne Wills geruhsame Nacht kommt, ist bereits alles gesagt, ist die Weisheit der Alten längst abgezapft und steht in der Mediathek zur ewigen, quasibuddhistischen Wiederholung bereit.

Anne Will möchte den Krawall ihrer Vorgängerin nicht, sie möchte nachfragen, kritisch sein, ganz die Braue. Und doch sitzt sie wie Sabine Christiansen jeden Sonntag mitten in einem aufgeregt schnatternden Ententeich. Siehe da, Déjà-vu, das Fernsehen, wie es besser und schlechter nicht sein kann: Arnulf Baring kreischt, Hans-Ulrich Jörges doziert, Heiner Geißler weiß es besser.

Es ist alles wie immer und unendlich öde. Beziehungsweise nein, etwas ist doch anders. Der menschliche Faktor ist dazugekommen. Zum Experten (für Amoklauf, Zölibat, Wahlkampf, Anlageberatung, Aktien und Sozialpolitik) gesellt sich das Opfer. Das Opfer sitzt auf dem Opfer-Sofa und leidet unter (bitte bestellen) Hartz IV, der Börse, den Banken, der Politik, der Kirche, der Schule, und das Schönste ist: Opfer gibt es immer wieder.

Ach, aber dafür keine hochgezogene Augenbraue mehr. Anne Will ist schon so gut wie erblondet.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe Mai 2010

» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
Ihr Name  
Ihr Wohnort  
Ihre eMail  
Ihr Kommentar  
    senden
druckenIhre MeinungArtikel versenden
Leserkommentare
S.Hofmann (10117 Berlin) 02.08.2010
Ja, ich schliße mich an. Hoffentlich verschwinden beide von der Bildfläche, Merkel und Will. Spätestens nach der Kachelmann Sendung hat sich Will völlig disqualifiziert.
Rüdiger Zeitz (Hamburg) 11.06.2010
Selten kann ich nach der Paste & Copy Methode verfahren. Heute aber doch ich vervielfältige die Meinung des Kommentators Lothar
Klemm:"mit Anne Will verhält es sich für mich wie mit Angela Merkel; ich wünsche mir, dass sie beide bald von der Bildfläche verschwinden
M. Kampmann (Niederkassel) 01.06.2010
Endlich spricht mal jemand das aus, was viele Menschen, u.a.ich, denken.
Danke für die Wohltat
Lothar Klemm (78262 Gailingen am Hochrhein) 27.05.2010
mit Anne Will verhält es sich für mich wie mit Angela Merkel; ich wünsche mir, dass sie beide bald von der Bildfläche verschwinden.
Jörg Beckmann () 18.05.2010
Ach wie schön, hat der wunderbare Willi Winkler das Talk-Dasein der ARD - na wohl auch des FS überhaupt? -beschrieben . Von der kritischen Augenbraue der Anne Will, die er nun, da sie Talkmasterin ist nicht mehr wahr nimmt bis zu der Bausch-und Bogen-Kritik, dass Talkshows eben auf gut Deutsch: "Quasselbuden" sind. Ach wie toll, ach wie neu. Nur eins scheint der gute W.W. nicht zu wissen, nicht mal zu ahnen, was der Unterschied ist zu einem Ein zelinterview und eben einer Talkshow. Kein Wunder, denn selbst ihm ging in dem üblichen Talkshow-Wirwarr die kritische Augenbraue der Anne Will verloren. Doch ich bitte Sie, sonst so großartiger WW gucken Sie genauer, dann werden sie immer auch mal wieder ein wenig kritisches Augenbrau erkennen können. Wie das nun mal bei einer Taölkshow nur sein kann.
Wolter () 17.05.2010
«Oder die gleichfalls sehr blonde Tagesschau-Vorleserin Eva Herman, die aus den bevölkerungspolitischen Erkenntnissen Frank Schirrmachers und Kai Diekmanns eine leicht vergangenheitslastige Familienpolitik zusammenrührte und damit so dringlich um Mutterschutz nachsuchte, dass selbst der lammfromme Johannes B.Kerner die Geduld verlor.»

Sicherlich tat sich Frau Herman mit ihrem familienpolitischen Getöse äh Gedöns (© Bundes-Gert) keinen übergroßen Gefallen (und ihrer Meinung schließe ich mich auch nicht unumschränkt an), aber wenn Sie ihren Fall als ein "Susan-Stahnke-aus-der-Kurve-flieg-Beispiel" mit dem Verweis auf Kerners Sendung hier erwaähnen, Herr Winkler, OHNE darauf zu verweisen, a) daß in genau dieser Kerner-Sendung das Verhalten der Talkgäste Schreinemakers ("Autobahn geht gaaaar nicht!"), Berger und "Historiker" Wippermann sowie nicht zuletzt des Gastgebers selbst ERHEBLICH PEINLICHER war als das von Frau Herman, und b) daß sie inzwischen gerichtlich bestätigt bekommen hat, daß in ihrer Vorstellung von der "Rolle der Frau als Mutter" KEIN "verharmlosender/verherrlichender" Zusammenhang mit der Familienpolitik der Nazis intendiert gewesen ist, dann hatt des ein G'schmäckle!
Da Sie das Herman'sche Familienideal hier nun 'insinuitiv' passend zum gerichtlich widerlegten Vorwurf dezidiert als "vergangenheitsLASTIG" und nicht etwas neutraler als "verg.-orientiert" oder so ähnlich bezeichnen, scheinen Sie mir - ah, Süddeutsche, würde ja zur Ausrichtung des Blatts passen - mit Ihrer Wortwahl bewußt die Assoziation E.H.'s zur Naziideologie wach halten zu wollen.
Wenn dem so ist, ist dies einfach nur als schäbig zu bezeichnen.

P.S.: Aber gerne würdige ich zu diesem Anlaß das unfreiwillige Verdienst der erwähnten Peinlichkeitsclowns Kerner, Schreinemakers, Berger und Wippermann um die anschließende TV-Satire mit dem "Nazometer" bei Harald Schmidt! :-)
R. Palme (Köln) 17.05.2010
Auch ich bin einer jener noch ausdauernder Zuhöher diverser Talk-Runden in beiden öffentlichen Programmen. Die zunehmende Ermüdung und das frühere Abschalten um des Schlafes wegen, hängt auch damit zusammen, manchmal ist es auch die Thematik, die anödet, mehr jedoch ist es die konstruktionslose Plauderei, des alltäglichen Ist-Zustandes, in dem zwar lautstark und oft durcheinander geschwätzt wird, aber auch ohne jegliche Nachhaltigkeit. Mich beschleicht das laue Gefühl, daß zwar die öffentliche Plauderei der immer selben Problematik, eine Beliebigkeit erzeugt, dass wir zwar mächtig aufgeregt diskutieren, die politische Klasse dennoch macht was sie will. Es gibt wenig kommunikative Herausforderungen, die soviel Öffentlichkeit erzeugt, dass man nun endlich handeln sollte. Es ist wie ein schonungsvolles Schonen, nur ja keine größere Erregung in der Sache erzeugen. Ich bin schon immer ein politischer Mensch gewesen, aber welche Politiker sollen wir denn wählen, wo sind sie denn die Veränderer? Und man sollte Talk Moderatoren alle fünf Jahre ablösen!
Walter Manzey () 17.05.2010
Willi Winkler ist zuzustimmen, wenn er meint die "Erblondung" samt Augenbraue sei inzwischen auch bei Anne Will erfolgt. Es sitzen oft noch dieselben "Eliten" in ihrer Runde, die den Zuschauer schon bei Christiansen vergällt haben - so auch der seit zwei Jahrzehnten unermüdlich in jeder Sofaecke von Talkshows anzutreffende H.- O. Henkel. Neuerdings gibt da allerdings auch die geballte Geistesmacht eines R.D. Precht mit wehender Mähne Laut von sich. Bahnt sich da was an? Sie alle, diese sorgenlosen Wichtigs, glauben offenbar, über den flimmernden Hausaltar das Volk beeinflussen zu können, in ihrem Sinne versteht sich. Und Frau Will? Sie lächelt - immer noch sehr charmant, wenn auch ohne Augenbraue - bis zum erlösenden Ende. Jedoch, wie schon bei Christiansen, kann jeder TV-Junkie zum Glück alternativ lieber englische oder skandinavische Kommissare begleiten - nur einen Knopf weiter auf dem TV-Knochen! Hier wird wenigsten ordentlich gemordet und bestraft. Und Täter oder Opfer sind häufig - zu unser aller Freude - neben den üblichen grausigen, manchmal auch sympathischen psychotischen Schlächtern, die Schmocks und Geldsäcke mit Studium über Leerverkäufe oder Ähnlichem. Ganz anders als beim Talken: Hier sind sie, zumindest Letztere, immer die Harmlosen.
Klaus P. Sommer (Göttingen und Stuttgart) 17.05.2010
Sehr geehrter Cicero, sehr geehrter Herr Winkler, Ihr Artikel "Mitten im Ententeich" ist im Gegensatz zu wohl allem, was über Sabine Christiansen und Anne Will geschrieben worden ist, ein echter Fortschritt. Doch manchem kommen Sie leider nur nahe - und verpassen die Pointe. Medienweit wurde im Juni 2006 gerätselt, warum Christiansen ihre Talkshow - die erfolgreichste des deutschen Fernsehens, wie es damals hieß - aufgab. Der Grund ist: Mit der Wahl Merkels zur Bundeskanzlerin hatte Christiansen ihr Ziel erreicht, hatte sie ihre Mission erfüllt. Westerwelle mag ihr häufigster Gast gewesen sein, ich erinnere aber auch an Westerwelles Vorgänger Wolfgang Gerhardt und den immer noch in vielen Sendungen als Stammgast dienenden Herrn Henkel. Christiansen fragte etwa jede Sendung: "Warum macht eigentlich unsere Regierung so viele Fehler" - also die rot-grüne. Mit der Wahl Merkels konnte sie das natürlich nicht mehr fragen: Christiansens Sendung hatte ihre raison d'être schlicht verloren - und kein deutsches Feuilleton wollte es 2006 auch nur begreifen!
Sie sind mit Anne Will als Talkmasterin unzufrieden, sprechen es aber nicht recht aus: Der Ententeich habe sie erblonden lassen. So einfach ist es aber nun auch wieder nicht: Auffällig ist doch, dass Will kaum je Sendungen mit außenpolitischen Themen macht - hat sie je eine gemacht? In der Zeit des Machtvakuums exakt nach der Abwahl von Bush und dem Amtsantritt von Obama veranstaltete als Flucht nach vorn in der Hoffnung auf die Gunst der Wähler die israelische Regierung Livni/Barak einen blutigen Krieg im Gaza-Streifen. Anne Will wollte darüber eine Sendung machen - unterließ es aber dann doch: und dreht sich brav immer und immer wieder im innenpolitischen Ententeich.
Winkler kommt der Wahrheit näher als viele vor ihm, konsequent ist er aber noch nicht. Mit herzlichem Gruß, Ihr Klaus P. Sommer
Anzeige
 
Cicero-Sammelschuber - Jetzt bestellen!
RSS Feed
Abonnieren Sie Berliner Republik als RSS-Feed
abonnieren

randnotiz
Artikel aus
Ausgabe Mai 2010
» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft

Willi Winkler
Willi Winkler ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Er lebt in München.


"Ich liebe die Stille"
mehr lesen
"Welch boshafte Frage!"
mehr lesen
Stimmen des Schmerzes
mehr lesen
Debatte
Warme Worte
mehr lesen
Mama, hilf!
mehr lesen
Weltbühne
„Die Kontrolle Irans geht weiter“
mehr lesen
Stimmen des Schmerzes
mehr lesen
Kapital
Ein Computer mit vier Rädern
mehr lesen
Bankenretter wider Willen
mehr lesen
Politsche Videos
Die alte Tante ist K.O.
Video anschauen
Barack Obama schwört den Amtseid und hält die Antrittsrede
Video anschauen
Salon
"Welch boshafte Frage!"
mehr lesen
Meschugge in Manhattan
mehr lesen
Leinwand
"Ich liebe die Stille"
mehr lesen
Banale, gelbe Bilder
mehr lesen
Netzstücke
Der letzte Tatort aus Frankfurt
mehr lesen
Ein Jahr nach dem Luftschlag
mehr lesen
Bibliothek
Hilfe, die Aliens kommen!
mehr lesen
Der koschere Knigge VII: Rassenlehre
mehr lesen

 Magazin Cicero
Die aktuelle Printausgabe

Inhalt
Abonnement

 Service
Newsletter
abonnieren

anmelden

 Medien im Blick
Die tägliche
Presse-
Rundschau

weiter

nach oben