von Willi Winkler
Als Anne Will zu den Tagesthemen kam, war sie einfach das „bessere Fernsehen“ – frech, kritisch, ironisch und, wenn es sein musste, streng mit den Interviewpartnern. Jetzt ist sie da gelandet, wo einst Sabine Christiansen saß - mitten im Ententeich.
Wenn sie dieses Görenlächeln zeigte, ein trotziges, fast schon sommersprossiges Grinsen wie auf frischer Tat ertappt und sogar noch stolz auf das, was sie eben wieder angestellt hatte, wenn sie dazu auch noch die rechte (vom Zuschauer aus gesehen: die linke) Augenbraue hob, dann war sie einfach das bessere Fernsehen. Bereits in der Hinführung zu dem Interview ironisierte sie den Gesprächspartner und damit auch den allzeit regierungstreuen ARD-Journalismus der Tagesthemen, indem sie dazu die Augenbraue hob.
Anne Will tauchte im Frühjahr 2001 abends um halb elf regelmäßig in den Tagesthemen auf. Damals war sie 35 Jahre alt. Während ihr Kollege Ulrich Wickert den Zuschauern mit gedehntem „u“ eine „geruhsame Nacht“ wünschte und dazu beziehungsreich zwinkerte, setzte Anne Will den Politikern zu, fragte bei Gerhard Schröder, bei Edmund Stoiber, sogar bei Ferdinand Piëch streng nach. Sie gewann immer, weil bei allem diese Braue mitfragte: Meinen Sie das ernst? Soll ich das glauben? Anne Will gewann, weil sie – einmal muss es doch heraus –, weil sie ein Mädchen ist. Und weil sie schwarze Haare hat.
Wickert ging in den Ruhestand und Tom Buhrow kam, der so bubenhaft sein sollte, wie Anne Will mädchenhaft war, aber neben ihr nur schwerfällig wirkte. Anne Will wurde bald befördert. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen befördert gern, und es befördert besonders gern junge Frauen. Allerdings scheint es auf dem Weg nach oben eine Kurve zu geben, aus der es schon manche Fachkraft getragen hat.
Man könnte sie die Susan-Stahnke-Kurve nennen. Susan Stahnke? Das war die Tagesschau-Sprecherin, die es in hohem Bogen rausfetzte, als sie glaubte, sie müsste ihr Blondsein noch extra betonen, indem sie in einem C-Picture Karin Göring oder sonst eine Hannelore spielte. Daraus wurde nichts oder nicht mehr als ein pädagogisch besonders wertvoller Auftritt als darmgespiegelte Krebsvorsorgerin. Oder die gleichfalls sehr blonde Tagesschau-Vorleserin Eva Herman, die aus den bevölkerungspolitischen Erkenntnissen Frank Schirrmachers und Kai Diekmanns eine leicht vergangenheitslastige Familienpolitik zusammenrührte und damit so dringlich um Mutterschutz nachsuchte, dass selbst der lammfromme Johannes B.Kerner die Geduld verlor.
Oder Sabine Christiansen. Auch sie kam von den Tagesthemen, auch sie verfügte über das vorschriftsmäßige ARD-Blond, und auch sie wurde befördert. Sabine Christiansen bekam „Sabine Christiansen“, die lauteste Talkshow des Landes. „Sabine Christiansen“ versuchte den Systemumsturz. Das System hieß seinerzeit – die Älteren erinnern sich vielleicht noch – Rot-Grün und sollte und musste auf jeden Fall weg. Auch die nachfolgende Konstellation, die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD, musste weg-weg-weg. Dafür bot „Sabine Christiansen“ eine Kreisch- und Schimpfbühne, auf der niemand so oft auftrat wie der Krawallero Guido Westerwelle.
Die Regierung war längst angezählt, aber dann passierte das Ungeheuerliche: Die Zuschauer hatten genug. Sie konnten „Sabine Christiansen“ nicht mehr sehen.
Nicht die mangelnde Begabung machte Sabine Christiansen den Garaus, sondern ihr ungeheurer Erfolg. Nach beinah zehnjähriger außerparlamentarischer Opposition war die Rechtshuberei einfach nicht mehr auszuhalten. Ihre Nachfolgerin wurde 2007 Anne Will beziehungsweise „Anne Will“.
Wenn die Messung zutrifft, dass der deutsche Fernsehnutzer eine Talkshow im Schnitt nur acht Minuten erträgt, ehe er seine Macht ausspielt und die Fernbedienung sprechen lässt, ist es egal, in welcher Talkshow er für die paar Minuten hospitiert – sie gleichen sich ja doch wie eine Frau der anderen. Sandra Maischberger und Maybrit Illner haben von der Ehren-Frau Reinhold Beckmann gelernt, dass Politik menschlich sein muss und dass nichts menschlicher ist als greise, gern auch faltenreiche Politiker, die mit vielen Sätzen nichts sagen, das aber immer wieder.
Wenn dann zum Wochenausklang Anne Wills geruhsame Nacht kommt, ist bereits alles gesagt, ist die Weisheit der Alten längst abgezapft und steht in der Mediathek zur ewigen, quasibuddhistischen Wiederholung bereit.
Anne Will möchte den Krawall ihrer Vorgängerin nicht, sie möchte nachfragen, kritisch sein, ganz die Braue. Und doch sitzt sie wie Sabine Christiansen jeden Sonntag mitten in einem aufgeregt schnatternden Ententeich. Siehe da, Déjà-vu, das Fernsehen, wie es besser und schlechter nicht sein kann: Arnulf Baring kreischt, Hans-Ulrich Jörges doziert, Heiner Geißler weiß es besser.
Es ist alles wie immer und unendlich öde. Beziehungsweise nein, etwas ist doch anders. Der menschliche Faktor ist dazugekommen. Zum Experten (für Amoklauf, Zölibat, Wahlkampf, Anlageberatung, Aktien und Sozialpolitik) gesellt sich das Opfer. Das Opfer sitzt auf dem Opfer-Sofa und leidet unter (bitte bestellen) Hartz IV, der Börse, den Banken, der Politik, der Kirche, der Schule, und das Schönste ist: Opfer gibt es immer wieder.
Ach, aber dafür keine hochgezogene Augenbraue mehr. Anne Will ist schon so gut wie erblondet. |