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24.07.2010
Banale, gelbe Bilder
von David Vajda

Nach fünf-jähriger Abwesenheit bringt Jean-Pierre Jeunet, der Regisseur von „Die fabelhafte Welt der Amélie“, mit der Komödie „MicMacs“ wieder einen Kinofilm raus. „MicMacs“ handelt von einem Haufen Querulanten, der auf abenteuerliche Weise zwei Waffenhändler gegeneinander ausspielt – und wird den hohen Erwartungen an Jeunet kaum gerecht.

Jean-Pierre Jeunets Filme sind so charakteristisch, dass man ihm die Erfindung seines eigenen Genres zusprechen könnte. Eine Jeunet-Geschichte dreht sich um einen vom Schicksal gebeutelten Eigenbrötler, der auf träumerische Weise versucht seiner Tragik zu entkommen. Seine Bilder sind detailgeladen und verlaufen an der Grenze zwischen Wirklichkeit und Kindheitsphantasie.

Zu diesem Genreanspruch verhalf ihm vor allem sein Meisterwerk „Die fabelhafte Welt der Amélie“, dessen Poesie so unerreichbar ist, dass keiner seiner neuen Filme daran gemessen werden kann. Dennoch soll sich seine neue Komödie „MicMacs“ zumindest nach den selben Charakteristiken verhalten, was in den ersten Szenen zu gelingen scheint.

Protagonist Bazil (Dani Boon aus „Willkommen bei den Sch’tis“) hat eine schwere Kindheit hinter sich. Sein Vater starb durch eine Landmine, seine Mutter verlor ihren Verstand, als sie von dem Tod ihres Mannes erfuhr, und Bazil musste ins Heim. Zwanzig Jahre später sitzt er im Sessel einer Pariser Videothek und schlürft Schmelzkäse aus der Packung. Dabei schaut er den Klassiker „Tote schlafen fest“ und spricht den Dialog auf übertragische Weise auswendig mit. Plötzlich kommt es vor der Videothek zu einem Schusswechsel und eine Kugel verirrt sich direkt in seinen Kopf. Er überlebt und muss vortan mit einem Projektil in seinem Gehirn auskommen. Bis dahin: Tragikomik, schrullig, Jeunet. Doch dann wird der Film so banal wie seine eigene Beschreibung („die französischste Komödie des Jahres“).

Bevor Jean-Pierre Jeunet MicMacs drehte, bot ihm Warner den fünften Harry Potter an. Er lehnte dieses Millionenprojekt mit der Begründung ab, dass er seine eigene Ästhetik nicht hätte einbringen können, da bei Harry Potter von den Kostümen bis zum Bühnenbild alles schon vorgeben ist. Eine sympathische, idealistische Entscheidung. Nun scheint es jedoch, dass das Drehbuch zu MicMacs ein einziger Vorwand war, um diese Ästhetik darzustellen.

Nachdem Bazil genesen ist, rächt er sich an den zwei Waffenkonzernen, die jeweils für die Kugel, die in seinem Kopf steckt, und für die Mine, die seinen Vater niederstreckte, verantwortlich sind. Ein Haufen kurioser Schrottsammler ist ihm dabei behilflich. Der kleine Mann gegen den Großkonzern also, die skurrilen Guten gegen die skrupellosen Bösen. Hierbei werden die Phantasien eines Kindes auf eine moralische Ebene gehoben („Waffenhandel ist schlecht!“) und verlieren so ihre poetische Kraft.

Jeunet ließ sich bei der Komposition der „Guten“ von „Toy Story“ inspirieren, was sich bemerkbar macht. Seine anderen Werke stilisieren den Film gekonnt zum Comic, bei MicMacs ist es umgekehrt: Das Comichafte wird verfilmt, wodurch die Charaktere so typisiert wirken, dass sie verflachen und menschliche Tiefe vermissen lassen. Diese Oberflächlichkeit wirkt sich auch auf den Humor aus. Bei Cartoonfiguren funktioniert banale Situationskomik, bei realen Schauspielern hingegen muss man sich hierfür zunächst mit den Personen identifizieren können, wozu einem keine Möglichkeit gegeben wird. Auch die Liebesgeschichte zwischen Bazil und Mademoiselle Kautschuk wird nur behauptet und lässt sich emotional kaum nachvollziehen. In der Originalversion haben allein die vom Dichter Jacques Prévert inspirierten Wortspiele von Remington (Omar Sy) Running Gag Potential, doch das verliert sich wie die meisten der gewitzten Dialoge in der deutschen Synchronisation.

Sogar Jeunets Retroästhetik und seine geschickt eingespielten Phantasiesequenzen büßen im Rahmen von MicMacs ihren Zauber ein. In Amélie fügen sich die überkomponierten Bilder und ihr gelber Grundton nahtlos in die Geschichte ein, in MicMacs wirken sie platt und schwerfällig. Einmal will Bazil einem Pariser Obdachlosen Geld geben, doch der lehnt mit den Worten „Nein Danke, ich arbeite sonntags nicht“ ab. Eigentlich eine süße Jeunet-Szene, die jedoch so wahllos in den Raum geworfen wird, wie der ganze Film.


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