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14.04.2010
"Einige werden den Film hassen"
Interview mit Oliver Parker und Ben Barnes

Mit „Dorian Gray“ hat Regisseur Oliver Parker zum bereits dritten Mal einen Stoff des irischen Schriftstellers Oscar Wilde verfilmt. Cicero Online sprach mit Parker und dessen Hauptdarsteller Ben Barnes über die Faszination für den Rebell Oscar Wilde, Kussmünder auf Grabsteinen und den schönsten Mann der Welt.

Mr. Parker, Sie haben bereits zwei Oscar Wilde Stücke verfilmt. Was hat Sie jetzt dazu bewogen, Wildes einzigen Roman, „Das Bildnis des Dorian Gray“ für die Leinwand zu adaptieren?
Parker: Die Idee entstand während der Dreharbeiten zu „The Importance of Being Earnest“. Ich weiß nicht mehr ob Barnaby Thompson, unser Produzent, oder Harvey Weinstein die Idee dazu hatte. Ich weiß nur, dass ich anfangs nicht so begeistert von der Idee war. Aber ich liebe das Buch gerade weil es ein Roman ist und kein Stück. Das lässt einem mehr kreativen Freiraum.

Sie wollten ursprünglich gar nicht Regie führen, stimmt das?
Parker: Das ist richtig. Ich wollte lediglich mithelfen, den Film zu produzieren. Von Regie war nicht die Rede. Doch ein sehr talentierter junger Drehbuchautor, Tobey Finnley, hat den Roman in ein filmreifes Drehbuch verwandelt. Dabei hat er ein paar notwendige Veränderungen an der Geschichte vorgenommen, damit es nicht eine dieser vorhersehbaren Romanverfilmungen wird. Da wurde es spannend und ich habe mir gesagt „Das lasse ich keinen anderen Bastard tun, das mache ich lieber selber“.

War es schwer, den Roman für die Leinwand zu adaptieren?
Parker: Wir mussten ein wenig am Plot herumdrehen, um die Spannung für einen Film zu erzeugen. Dafür haben wir ein bisschen mit dem zeitlichen Rahmen gespielt, auch den Zeitpunkt eines Mordes verlegt. Wir mussten so arbeiten, damit auch für diejenigen, die das Buch kennen, der Eindruck entsteht, nicht zu wissen, was als nächstes passiert. Das machte die ganze Sache zu einer Herausforderung.

Woher kommt ihre Faszination für Oscar Wilde?
Parker: Ich habe eine sehr persönliche Verbindung zu Wilde. Als Schauspieler spielte ich einmal den Jack in „The Importance of Being Earnest“ und liebte die Rolle. Darauf hin habe ich begonnen seine Werke und auch viel über Oscar Wilde selbst zu lesen. Und dann habe ich bemerkt wie Wilde seltsamerweise als Kronjuwel der Tradition abgefeiert wird, in Wirklichkeit aber genau das Gegenteil davon war, nämlich ein ziemlicher Rebell. Doch er hatte so viel Stil, dass es kaum jemand bemerkt hat. „Das Bildnis des Dorian Gray“ ist ein wunderbares Buch mit erstaunlichen Ideen. Wilde kreierte ein fabelhaftes Märchen, das seine Aktualität bis heute nicht verloren hat.

Sie haben die Geschichte auch in ihrer Zeit belassen und die Story nicht in die Gegenwart geholt.
Parker: Wir wollten dem Film kein Update verleihen oder es unnötig modernisieren. Die Geschichte funktioniert als Metapher für alle Zeiten und muss nicht verfremdet werden. Wir sind alle von Prominenz besessen und haben diese Obsession nach Schönheit – heute mehr denn je. Das muss man den Zuschauern nicht aufdrücken. Man erzählt die Geschichte einfach, wie sie war.
Barnes: Das sehe ich auch so. Es gab ein paar Adaptionen in den letzten Jahren, die modifiziert wurden und aus Basil einen Fotografen und aus Dorian ein berühmtes Model machten. Oliver hat absolut recht: Eine Modifikation war nicht nötig. Die Aussage ist bereits im Kern der Geschichte enthalten. Hätten wir den Film in der Gegenwart spielen lassen, hätte wahrscheinlich niemand die Parallelen zu unserer heutigen ruhmversessenen Kultur beobachtet.

Dennoch ist der Film in seiner Ästhetik sehr jugendlich und erinnert mehr an „Twilight“ als an eine Geschichte des viktorianischen Zeitalters.
Parker: Vom ersten Tag an wusste ich, dass einige Leute den Film hassen werden. Müssen sie, da man bestimmte Entscheidungen trifft, die nicht jedem gefallen werden. Wie etwa der schönste Mann aussehen könnte. Unmöglich da einen einheitlichen Geschmack zu befriedigen. Für manche ist Ben der schönste Mann der Welt...
Barnes: Ja, für schätzungsweise drei Leute; meine Mutter ist eine davon.

Ich kann Sie beruhigen. Auf Facebook zählt Ihre größte Fanseite 30.000, großteils weibliche Fans.
Parker: Wahnsinn!
Barnes: (lacht) Und meine männlichen Fans dürfen Facebook noch nicht einmal verwenden, denn die sind acht Jahre alt und rennen mit Schwertern durch die Gegend.

Mr. Barnes, wie kamen Sie zur Rolle des Dorian Gray?
Barnes: Ich arbeitete gerade an „Easy Virtue“ als Barnaby Thompson zu mir kam und mir ein Buch in die Hand drückte. Es war „Das Bildnis des Dorian Gray“. Ich sagte ihm, ich hätte das Buch bereits zweimal gelesen. Doch er meinte, sie würden es gerne verfilmen und ich sollte den Dorian Gray spielen. Wie Oliver war auch ich zuerst skeptisch und dachte an die unzähligen misslungenen Adaptionen, die es schon gab.

Was hat Sie dennoch dazu bewogen, die Rolle anzunehmen?
Barnes: Die Figur des Dorian Gray war für mich sehr interessant. Dieser unschuldige, naive, mittellose Junge der nach London kommt, plötzlich zum Society-Löwen der ganzen Stadt wird und in ungeahnte soziale Höhen aufsteigt. Und letztlich der Niedergang zu einem manischen, schwächlichen, schrecklichen Geschöpf. Diese Rolle zu verkörpern war für mich sehr spannend.

War es notwendig, das Porträt diese schauerhaft-bizarren Geräusche und Bewegungen von sich geben zu lassen?
Parker: Sagen wir so - hätten wir es nicht getan, würde jeder denken wir hätten uns davor gedrückt. In den Vierzigern gab es schon mal eine Verfilmung in Schwarz-Weiß. Das einzig farbige Objekt im Film war das Porträt. Doch der Film wirkt heute ziemlich lächerlich, da das niemanden mehr erschreckt...
Barnes: Ich bin sicher, in zwanzig Jahren sieht auch unser Film lächerlich aus.
Parker: Ja, dann schauen alle 3D.
Barnes: Einen modernen Film zu machen bedeutet, alle einem zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen. Es ist schon schwer mit einer guten Idee daherzukommen, wie man das Porträt im Film eindrucksvoll in Szene setzt.

Das Grab von Oscar Wilde in Paris wird von hunderten roten Kussmündern bedeckt. Jeder der die Ruhestätte aufsucht hinterlässt einen Kuss am Grabstein. Ich konnte dazu keine Erklärung finden. Kennen Sie den Hintergrund dazu?
Barnes: (lacht) Das war ich.
Parker: Ich war das jedenfalls nicht. Ich meine, ich liebe Oscar Wilde, aber um Himmels willen, es gibt Grenzen! Nein, im Ernst, ich weiß es auch nicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Oliver Jeges


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