Drei Cops und eine Stadt, die als infernalischer Schauplatz zum Knotenpunkt verwandter Einzelschicksale wird. Mit seinem neuen Film kehrt „Training Day“- Regisseur Antoine Fuqua zurück auf das unheilvolle Terrain der Großstadtkulisse. „Brooklyn's Finest“ ist ein ebenso eindrucksvoller wie düsterer Cop-Thriller, aus dessen starkem Ensemble vor allem Ethan Hawke herausragt.
„Ich will Gottes Vergebung nicht. Ich will seine Hilfe“ zischt der Mann, der da im Halbdunkel des Beichtstuhls sitzt und soeben seine Morde gestanden hat. Keine Frage, Sal Procida, dargestellt von Ethan Hawke, steht mächtig unter Zugzwang: Seine schwangere Frau ist lungenkrank, das Reihenhaus der Familie bis unters Dach verschimmelt, und Dank Hawkes eindringlicher Leistung hört man die Uhr ticken. Da Sal mit dem bescheidenen Polizisten-Gehalt kaum die nötige Anzahlung für ein neues Haus zusammenkriegt, hat er aus seinem Job eine verzweifelte Jagd nach illegalem Drogengeld gemacht. Bei dieser Hetzjagd gegen die Zeit lässt Hawke seine Figur grandios zwischen gläubigem Familienvater und verruchtem Cop oszillieren, der zwischen Recht und Unrecht, zwischen Beichtstuhl und Massaker und mit dem fiebrigen Blick eines Getriebenen immer auch am Rande des Wahnsinns wandelt.
„Men under pressure“ - so lautet die Formel, welche der Story um drei Polizisten zugrunde liegt, die zur Elite der Stadt, eben zu „Brooklyn's Finest“ gehören, wie sich die New Yorker Polizei gerne selbst nennt. Dass in New York zuletzt mehr Cops durch Suizid starben als im Dienst, hat Regisseur Antoine Fuqua allerdings sichtlich mehr beschäftigt als das Selbstbild der Gesetzeshüter. In einer der ersten Szenen sitzt Richard Gere am Bettrand und steckt sich die Dienstwaffe in den Mund. Mehr als einmal in diesem zweistündigem Streifen wird er sich die Knarre an den Kopf halten, um Russisch Roulette zu spielen. Gere verkörpert den resignierten Cop-Veteran Eddie Dugan, der versucht, die letzte Woche eines Polizistendaseins lebend zu überstehen, das ihn jeden Morgen aufs Neue schweißgebadet aus dem Bett zwingt. Ruhe findet er nur noch im Alkohol oder in den Armen der Prostituierten Chantel. Dass er auf seine letzten Tage einen jungen Heißsporn zum Partner kriegt, mit dem er sich in den Hexenkessel begeben soll, macht die Sache nicht leichter.
Dass der Job mit der Zeit nicht einfacher wird, merkt auch Undercover-Agent Tango (Don Cheadle). Der ermittelt schon länger in der Drogenszene und verwächst zunehmend mit seiner Rolle als Unterweltgröße, weil ihm sein früheres Leben entglitten ist. Seine Frau hat sich scheiden lassen, sein letzter Freund ist der Gangster Caz (erfrischend besonnen: Wesley Snipes), der ihm einst das Leben rettete. Ausgerechnet ihn soll Tango ans Messer liefern - an eine ebenso kaltblütige wie rassistische Chefin.
Etwas sehr genretypisch, aber dafür atmosphärisch dicht, erzählt „Brooklyn's Finest“ also die Geschichte zerrissener Antihelden, die aufgerieben werden zwischen moralischem Anspruch und der kriminellen Energie der Großstadt. Dass Regisseur Fuqua dabei Anleihen aus dem Klischee-Arsenal älterer und neuerer Cop-Filme macht, tut der Sache genau so wenig Abbruch wie der Tatbestand, dass sich die drei Handlungen konkret kaum berühren. Im Gegenteil. Der mitunter extrem schnelle Wechsel von einer Figur zur nächsten gelingt problemlos, denn was die drei traumatisierten Hauptfiguren verbindet, sind weniger die Ereignisse, als die elementare Grunderfahrung der Angst. Leitmotivisch ist ihnen die Nervosität ins Gesicht geschrieben wie eine Wunde, die ihnen der vierte und eigentliche Protagonist zugefügt hat: East Brooklyn, ein sozialer Brennpunkt par excellence, der fatale Regeln diktiert.
Bewusst hatte Fuqua die Dreharbeiten 2008 an Originalschauplätze verlegt, um den urbanen Dunst von Gewalt, Drogen und Prekarität authentisch zu visualisieren. Das ist weitestgehend gelungen und ergibt, gemeinsam mit einer starken Ensemble-Leistung und der dunkel pulsierenden Musik von Marcelo Zarvos, ein mitreißendes Werk, das sich zwar in seiner Stimmungslage, qualitativ aber nur gering von Fuquas bisher erfolgreichstem Film „Training Day“ unterscheidet. Finsterer, pessimistischer, auswegsloser kommt dieser Film daher, den der Regisseur selbst als neue Schaffensstufe versteht. Tatsächlich ist „Brooklyn's Finest“ nicht nur ein klassischer und gewaltgeladener Genre-Film, sondern gleichzeitig eine spannende Mixtur aus Film Noir und 70er Jahre-Nostalgie.
P.S.: Im Gegensatz zum Film, ist der musikalisch fragwürdig unterlegte Trailer alles andere als empfehlenswert. Hier wird unnötigerweise der Eindruck erweckt, es handele sich um Sozialkitsch à la „Dangerous Minds“. Aber sehen Sie selbst: