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Israelische Marine vor Gaza
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von Yossi Melman
Die Türkei will ihn vor Gericht bringen. Israels Regierungschef macht ihn hinter den Kulissen verantwortlich für das Kaper-Fiasko vor der Küste Gazas. Doch Generalstabschef Gabi Aschkenazi will kein Sündenbock sein.
Zum ersten Mal steht Gabi Aschkenazi im Kreuzfeuer der Kritik. Der israelische Generalstabschef, der in Israel als beliebtester und vertrauenswürdigster Vertreter des Staates gilt, hat eine Schlüsselrolle bei den tragischen Ereignissen vor der Küste von Gaza. Die heftigen Kämpfe auf dem Schiff Mavi Marmara endeten mit dem Tod von neun Menschen und der weltweiten Verurteilung Israels. Die Entscheidung, das Schiff, wenn nötig, auch mit Gewalt zu stoppen, trafen zwar Regierungschef Benjamin Netanjahu, Verteidigungsminister Ehud Barak sowie fünf weitere Mitglieder des „Sicherheitskabinetts“. Und die Verantwortung für die mangelhafte Planung und fehlgeschlagene Ausführung trägt im Wesentlichen der Marinechef, Admiral Eli Marom. Doch die militärische Gesamtverantwortung liegt bei Aschkenazi.
Netanjahu und Barak mochten zwar ihre Solidarität mit Aschkenazi und der militärischen Führung erklären; hinter den Kulissen jedoch begannen sie, dem 56-Jährigen die Schuld für das Debakel in die Schuhe zu schieben. Der Generalstabschef, dessen Beziehung zu Barak schon vor dem Vorfall auf See schwierig war, ist nicht naiv. Jetzt, da er mit dem Ausscheiden aus dem Militär Ende des Jahres eine politische Karriere anstrebt, möchte er erst recht nicht den Sündenbock für die Politiker spielen.
Bisher allerdings bestimmte das Militär Gabi Aschkenazis Leben. Der Sohn eines Holocaustüberlebenden aus Bulgarien und einer syrischstämmigen Mutter kam bereits mit 14 Jahren auf eine Militärakademie. Seine Lehrer bezeichneten ihn untertreibend als „nicht sehr brillianten Schüler“. Das Image des einfältigen Teenagers mit schlechten Manieren ist an ihm haften geblieben.
Nach seinem Abschluss an der Militärakademie 1972 diente er in der Golani Infanteriebrigade, die damals als Auffangbecken für sozial benachteiligte und schwierige Rekruten sephardischer Herkunft galt. Aschkenazi kämpfte als junger Offizier im Jom-Kippur-Krieg von 1973 und nahm 1976 an der Entebbe-Aktion in Uganda teil, zur Befreiung der Passagiere eines Air-France-Flugzeuges, das palästinensische Terroristen entführt hatten. 1980 befehligte er bereits ein Golani-Bataillon, 1984 war er der erste Golani-Soldat, der es zum Brigadierführer brachte. Er wurde Befehlshaber des nördlichen Heeres, 2002 schließlich stellvertretender Generalstabschef. In dieser Funktion hatte er die Aufgabe, den Bau des Sicherheitszauns in der Westbank zu beaufsichtigen. Als er zwei Jahre später das Rennen um den Posten des Generalstabschefs gegen Dan Halutz verlor, quittierte er im Mai 2005 den Dienst und wurde Generaldirektor im Verteidigungsministerium. Doch schon achtzehn Monate später – nachdem sich die Ereignisse im Zuge des Angriffs auf die Hisbollah im Juli 2006 im Libanon überstürzten und der amtierende Generalstabschef in die Kritik geraten war –, rief ihn der damalige Verteidigungsminister Ehud Barak zu Hilfe.
Es gibt zwei Gabi Aschkenazis. Den einen, wie ihn sich die Öffentlichkeit vorstellt – ein Macho, der sehr ehrgeizig ist, ein Siegertyp, der nicht verlieren kann, auch nicht ein Fußballspiel unter Freunden. Und es gibt den sehr empfindsamen Menschen, der sich auch die kleinste Kleinigkeit zu Herzen nimmt. Aber in erster Linie ist er ein besonnener, ernster und sehr nüchterner Mann, der bei der Truppe beliebt ist.
Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit reformierte er die Armee. „Worauf er richtig stolz ist, ist die Verbesserung der Leistungsfähigkeit der Reservisten und die Wiederherstellung des Selbstvertrauens der Armee nach den taktischen Fehlern im Libanonkrieg“, sagt ein ehemaliger General. Aschkenazi hat aber nicht nur nach innen viel bewirkt. Er spielte unter anderem eine Schlüsselrolle bei der Entscheidung, den syrischen Nuklearreaktor im September 2007 mit der Luftwaffe und nicht mit Bodentruppen anzugreifen, wie es andere Generäle und Minister empfohlen hatten.
Ende dieses Jahres wird Aschkenazi, wie es das Gesetz vorschreibt, seinen vierjährigen Dienst als Generalstabschef beenden. Verteidigungsminister Ehud Barak hätte seine Amtszeit um ein Jahr verlängern können, doch er entschied sich dagegen – und informierte die Öffentlichkeit von dieser Entscheidung, ohne zuvor Aschkenazi davon in Kenntnis gesetzt zu haben. Seither herrscht böses Blut zwischen den beiden. Was die beiden Männer trennt, sind weder fachliche Fragen noch unterschiedliche Weltbilder. Es geht vielmehr um Ehre und Stolz. Obschon Aschkenazi als Berufssoldat nie seine politischen und ideologischen Überzeugungen öffentlich geäußert hat, berichten Freunde, dass der zweifache Vater eher moderate Ansichten zu Außen- und Sicherheitspolitik hat. Er befürwortet – trotz der jüngsten Ereignisse – Friedensgespräche mit Syrien, mit der Türkei als Vermittler, und er kennt den Preis, den Israel für eine Vereinbarung zu zahlen hätte, nämlich den Rückzug von den Golanhöhen. Ebenso ist er davon überzeugt, dass Israel und die Palästinenser sich versöhnen müssen.
Der Zwischenfall auf See mag eine kleine Schramme auf Aschkenazis Image hinterlassen haben, aber er wird seine Zukunft nicht zerstören. Dass er in die Politik gehen will, ist kein Geheimnis. Drei Jahre wird er sich aber laut Gesetz gedulden müssen, bis er ein politisches Amt anstreben darf. In dieser Zeit wird er sich in der Privatwirtschaft das finanzielle Rüstzeug für sein politisches Engagement holen.
Mit seinem großen Ehrgeiz wird Aschkenazi, der einen Bachelor in Politologie hat, in vier Jahren vielleicht Verteidigungsminister werden. Doch das wird nur eine Etappe auf seinem Weg sein. Schon bald dürfte er das Amt des Regierungschefs anstreben.
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