von Hans Christoph Buch
Die Not zieht Haiti tiefer und tiefer ins Chaos. Drei Monate nach dem verheerenden Erdbeben kämpfen die Menschen ums nackte Überleben. Eine echte Aussicht auf Verbesserung ihrer desaströsen Lage gibt es trotz der milliardenschweren Hilfen nicht.
Wundern Sie sich nicht“, sagt Richard Morse, der Manager des Hotels Olofsson und Bandleader der Voodoo-Rockgruppe RAM, „nach allem, was hierzulande passiert ist, sind die Leute in Haiti heute mehr oder weniger verrückt. Ich bin es auch!“ Und er erzählt, wie er sich um 4:53 Uhr, als das Beben begann, an sein Fernsehgerät klammerte, das bedrohlich hin und her schlingerte. „Statt einem Baby das Leben zu retten, rettete ich einen Fernsehapparat!“ Der Sohn eines amerikanischen Ethnologen und einer haitianischen Tänzerin irrte verstört durch die Straßen, vorbei an Toten und Verletzten, schreienden oder betenden Menschen, die an den Weltuntergang glaubten oder ans Jüngste Gericht. Während ringsum alles in Schutt und Asche fiel, blieb das Hotel unversehrt, ebenso wie seine Frau und Kinder, die Angestellten und Mitglieder seiner Band. „Wie durch ein Wunder – hier stimmt die abgegriffene Redensart“, sagt Richard Morse, der das Olofsson, wo einst Graham Greene logierte, vom Treffpunkt des Jetset, zur Oase für Künstler und Schriftsteller machte. Nur die UN-Mission, seit 2004 in Haiti stationiert, boykottiert das Hotel wegen Sicherheits- oder Hygienemängeln. Stattdessen logierte die Uno im Christopher Hotel, einem Hochhaus, das den Missionschef Hédi Annabi und über 200 UN-Mitarbeiter unter sich begrub – der größte Aderlass seit Gründung der Weltorganisation.
Richard Morse beugt sich vertraulich vor. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt“, flüstert er. 200000 Slumbewohner aus Port-au-Prince seien ins Paradies gelangt – ohne Visum und ohne Pass. Morse ist ein Voodoo-Adept, und er ist überrascht, als ich sage, dass das zitierte Gleichnis von Jesus stammt, und ihm vorschlage, einen Song über das Erdbeben zu schreiben. Den gäbe es schon, erwidert er und summt die erste Strophe seines Boat People Blues aus der Zeit, als Haitis Armee den demokratisch gewählten Präsidenten stürzte: „When I woke up this morning dead bodies were lying in the street/the government was gone and there was blood running under my feet.“ Frei übersetzt: Als ich aufstand heute früh, sah ich überall nur Leid und Tod/die Regierung war geflohen und die Straßen waren voller Blut.
Der Text lässt sich Wort für Wort auf das jüngste Erdbeben übertragen, besonders was die Regierung angeht: Präsident René Préval brauchte eine Woche zur Verkündung des Notstands, den er, um weiter regieren zu können – eigentlich läuft seine Amtszeit zum Jahresende aus – auf 18 Monate verlängerte. Auf die Frage einer Washingtoner Journalistin erklärte er, seine Regierung sei frei von Korruption, obwohl Haiti zu den korruptesten Staaten der Welt gehört. Dass es keine Bauauflagen für Erdbebensicherheit und keinen funktionierenden Zivilschutz gab, versteht sich von selbst. So besehen war das Beben der Stärke sieben auf der Richterskala weniger eine Naturkatastrophe als ein von Menschen gemachtes Desaster: Ein vergleichbarer Erdstoß tötete 1989 in Kalifornien weniger als hundert Menschen, während in Port-au-Prince 230000 Personen ums Leben kamen, Provinzstädte wie Petit Goave und Léogane nicht mitgerechnet.
Das französische Wort für Erdbeben – „séisme“ oder „tremblement de terre“ – benutzen die Haitianer nur ungern, aus Angst vor Nachbeben, die nach wie vor die Region erschüttern. Stattdessen spricht man von der „Affäre des 12.Januar“ oder vom „Goudougoudou“, eine kreolische Lautmalerei zur Kennzeichnung des Geräuschs, das zu hören ist, wenn die Armiereisen in Betondecken und Wänden knacken, weil die Erde sich nicht nur vertikal, sondern auch horizontal bewegt. Das Beben zog den Betroffenen den Boden unter den Füßen weg und wölbte Zementplatten wie Stoff, der Falten warf, bevor er krachend zerbarst; jetzt liegen Wellblechdächer und Betondecken wie zerknautschte Hüte auf dem Schutt. „Die Mauer schwankt“, hieß Wolfgang Koeppens erster Roman, aber der Titel beschreibt den Vorgang nur ungenau, denn Haitis Mauern schwankten nicht nur, sie drehten sich um die eigene Achse und tanzten Twist, wie um die Abwärtsspirale sichtbar zu machen, die der Inselstaat seit über 200 Jahren vollzieht. „Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen“, hat Karl Marx das genannt – ein Satz, der wie die Faust aufs Auge passt, denn die Geschichte von Haiti ist eine nicht abreißende Kette von Katastrophen: von der Ausrottung der Ureinwohner durch spanische Konquistadoren über den Freiheitskampf aus Afrika verschleppter Sklaven bis zur blutig erkämpften Unabhängigkeit von Frankreich. Und weiter vom Terrorregime Papa und Baby Docs zum Scheitern des erstmals 1990 vom Armenpriester zum Präsidenten aufgestiegenen Jean-Bertrand Aristide, dessen Lavalas-Bewegung – im wörtlichen Sinn – nur stinkenden Schlamm hinterließ. Denn „Lavalas“ heißt Erdrutsch auf Kreolisch: Nach Aristides Abgang fegte der Hurrikan Jeanne über die Insel hinweg und Schlammlawinen begruben Haitis zweitgrößte Stadt Gonaives.
Port-au-Prince erstickt im Staub, nachdem die Leichen eingesammelt und in Massengräbern beigesetzt worden sind, meist ohne Feststellung der Identität, was Erben und Hinterbliebene vor juristische Probleme stellt. Der Verwesungsgeruch war so penetrant, dass Diebe und Plünderer, die Toten und Verletzten Pässe und Wertsachen stahlen, sich Tücher vor die Nase banden. 211 Personen wurden von Spürhunden geborgen, aber viele liegen immer noch unter Bergen von Schutt, von Gebäudeteilen erschlagen oder lebendig begraben und qualvoll verendet. Ein Beispiel dafür ist das Schicksal von Nadine Cardoso, Chefin des Luxushotels Montana, die vor drei Jahren von „Chimères“ genannten Kidnappern entführt und misshandelt wurde, bevor sie nach Zahlung eines Lösegelds freikam. Am 12.Januar stürzte das Hotel über ihr ein. Sie lag vier Tage lang eingeklemmt unter Beton, den ein Eisengitter von ihr abhielt, während ihr Neffe in Hörweite seiner Tante verstarb. Nadine Cardoso kam mit dem Leben davon. Glück im Unglück hatte auch der deutsche Botschafter Jens-Peter Voss, der im Hotel Montana logierte, weil seine Residenz angeblich nicht erdbebensicher war. Zum Zeitpunkt des Bebens inspizierte er die Bauarbeiten in der Botschaft, was ihm und seiner Frau das Leben rettete.
„Ich bin ausgebrannt“, sagt Michael Kühn von der Welthungerhilfe, der seit zehn Jahren in Haiti arbeitet und das Land von einer Katastrophe in die nächste schlittern sah: Nur der Tatsache, dass er am 12.Januar nicht im Supermarkt einkaufen ging, verdanken er und seine Tochter ihr Leben. Kühn lieferte Wasser in improvisierte Camps in und um Port-au-Prince, wo geschätzte 600000 Obdachlose hausen, in primitiven Notunterkünften, unter Plastikplanen und Zelten des UN-Flüchtlingshilfswerks. Trotz der drangvollen Enge fühlen die Slumbewohner sich hier wohl, denn sie werden mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt, man hat Toiletten installiert, nachts werden die Zeltstädte von Scheinwerfern angestrahlt und von Polizei bewacht. Dank der US-Army, die am Flughafen die Kontrolle übernahm, ist die Nothilfe ein Erfolg, aber das Provisorium droht zum Dauerzustand zu werden. „Haiti hängt am Tropf der Hilfsorganisationen, und die Gratisversorgung zerstört lokale Märkte und verstärkt die Abhängigkeit – das Gegenteil nachhaltiger Entwicklung.“ Auch Sachspenden seien manchmal ein Danaergeschenk, meint Kühn, Babywindeln zum Beispiel, die auf Müllkippen landen, anders als in Haiti produzierte Milch, die er, um die Landwirtschaft zu fördern, an Kinderheime verteilt. Die wirksamste Hilfe sei Cash for work, ein landesweites Programm zur Beseitigung der Erdbebenschäden, das 100000 Menschen Brot und Arbeit gibt. „Der auf der Geberkonferenz in Washington beschworene Neuanfang für Haiti ist trotzdem ein frommer Wunsch“, sagt er, denn nicht nur der Nationalpalast und die Kathedrale, Ministerien und Schulen – der Staat liege in Trümmern.
„Es wird dreißig Jahre dauern, bis Port-au-Prince wiederaufgebaut ist“, glaubt der Geologe Claude Prépetit, der an der École des Mines in Paris studierte und in Haiti zur Berühmtheit wurde, weil er ein Beben der Stärke sieben auf der Richterskala seit Jahren vorausgesagt hat. Als er 2001 Aristides Premierminister seine Warnungen vortrug, befahl der ihm, das Dossier in der Schublade zu lassen und auf keinen Fall zu veröffentlichen, woran Prépetit sich nicht hielt. Im Gegenteil, er informierte über die Erdbebengefahr, forderte gezielte Aufklärung in den Medien, vorbeugende Maßnahmen wie in Japan und organisierte einen Protestmarsch für besseren Umweltschutz. Umsonst. Nach dem Beben empfing Staatschef René Préval ihn zum Gespräch und beglückwünschte Prépetit zu seinem Engagement, ohne den schönen Worten Taten folgen zu lassen, mit der Begründung, der Schutz vor Hurrikans habe derzeit Priorität.
„Die Frage ist, welche Lehren die Regierung aus der Katastrophe zieht und ob die Hauptstadt an der gleichen Stelle wiederaufgebaut werden soll“, sagt Prépetit. Und er verweist auf das Erdbeben von 1771, das Port-au-Prince völlig zerstört, aber kaum Tote gefordert habe, weil Haiti damals dünn besiedelt gewesen sei. Im Hafen ankernde Schiffe hätten ihre Segel gespendet, um Zelte zu bauen, und Farmer aus dem Hinterland hätten Wagenladungen mit Lebensmitteln und Wasser in die Stadt gebracht, weil der durch Port-au-Prince fließende Fluss versiegt sei. Erst Monate später hätten die Nachbeben aufgehört, und die Kolonialverwaltung habe angeordnet, statt Steinbauten Holzhäuser zu errichten, die Erdstößen besser standhielten, eine Auflage, deren Richtigkeit sich am 12.Januar bestätigte.
Ich will wissen, wie Claude Prépetit diesen Tag erlebt und ob er so etwas wie Triumph empfunden hat, als die Erde bebte und seine Voraussagen Wahrheit werden ließ. „Im Gegenteil. Ich fühlte mich wie eine Schwangere, die ein unerwünschtes Kind gebiert, fiel auf die Knie und weinte, während ringsum Mauern einstürzten und Menschen um Gnade flehten.“ |