von Christian Schmidt-Häuer
Vor einem Jahrzehnt zog Wladimir Putin in den Kreml ein. Das KGB organisierte seinen Aufstieg und hielt ihm den Rücken frei. Die meisten Russen schätzen Putin nicht als lupenreinen Demokraten, sondern als einen Mann, der Ordnung im Land garantiert.
St. Petersburg im März 1994. Der „Bergedorfer Gesprächskreis“, eine deutsch-russische Gesprächsrunde, hat zur ersten internationalen Konferenz seit dem Ende der Sowjetunion geladen. Ein entspannter Vormittag. Verschiedene Meinungen werden mit höflichen Komplimenten serviert. Plötzlich, nach der Mittagspause, schreckt eine helle, aggressive Stimme die Runde auf. Es geht um meinen Diskussionsbeitrag. Boris Jelzin habe die UdSSR aufgelöst, so hatte ich dargelegt, ohne einen Gedanken an Russlands künftige Außenpolitik zu verschwenden. „Vollkommen abwegig“, fährt mich der Redner nun an, „Russland hat im Interesse des globalen Friedens auf seine Territorien verzichtet… Deshalb muss die Weltgemeinschaft jetzt das berechtigte Interesse des russischen Staates und Volkes als einer großen Nation achten.“ Die meisten Gäste schauen auf die Teilnehmerliste, weil sie den Redner nicht kennen. „Wladimir Putin, Vize-Bürgermeister von St.Petersburg“, steht da.
Ein frühes Credo. Das Bekenntnis eines patriotischen Judokämpfers, der sich aus den ärmlichen Hinterhöfen Leningrads zum KGB-Residenten in Dresden und von dort in die dunklen Geschäftsfelder der Petersburger Außenwirtschaft hochgekämpft hatte. Sechs Jahre später begann der Mann aus dem Schatten, das zerfallende Russland zu restaurieren. Die unsichtbare Hand seiner alten „Firma“ und die Moskauer Oligarchen hatten ihn zum Präsidenten erkoren. Der Genosse, den sie beim KGB wegen seiner deutschen Ordnungsliebe „Stasi“ nannten, übernahm ein scheinbar unauflösliches Amalgam von Pluralismus und Chaos. Russland hatte sich geöffnet – allem voran sein Staatseigentum für die Günstlinge des nur noch taumelnden Präsidenten Jelzin. Der verarmten Mehrheit erschienen die neunziger Jahre als ein nie gekannter moralischer Niedergang. Das Imperium war verloren. Und alle Ersparnisse dazu. Viele Wunderdoktoren, auch aus dem Westen, kurierten die Wirtschaft fast bis zum Staatsbankrott. Da kam Putins Credo gerade recht. Der schmächtige Emporkömmling von einst, dessen Übervater schon immer der starke Staat gewesen war, präsentierte sich nun selbst als Väterchen Zar einer wieder autoritären, stabilen Macht. Und als Väterchen Frost für die Demokratie, die 75 Prozent der Russen bis heute weniger gilt als Ordnung an sich.
Im Herbst 1999 hatte ihn Jelzin zunächst als Regierungschef eingesetzt. Kaum war er im Amt, explodierten in Moskau Wohnblöcke und begruben Hunderte Opfer. Der Kreml bezichtigte die Tschetschenen, Putin überzog sie mit einem zweiten Krieg. Der Nobody wurde zum Nationalhelden. Hatte der Geheimdienst ihm mit den Sprengungen den Weg gebahnt? Zu diesen Gerüchten fragte ich Putin, als ich ihn Ende 1999 interviewte. Er zeigte sich entrüstet: So etwas „wäre ja noch weit über die Reichstagsbrandstiftungen hinausgegangen“. Drei Jahre später starb mein enger Freund und Kollege Juri Schtschekotschichin auf mysteriöse Weise im Moskauer Regierungskrankenhaus. Die Kremlärzte diagnostizierten eine Allergie. Für seine Mitarbeiter war es Mord. Der Journalist hatte über die Sprengungen der Wohnblöcke recherchiert.
Noch immer wird spekuliert, dass Putin eiskalt und rachsüchtig die Spuren seiner Vergangenheit tilgen lässt. Dass er Russland in eine volle Diktatur mit halber Marktwirtschaft führen werde. Das ist zu simpel. Es gibt bis heute keine Massenrepressionen, keine landesweite Angst vor politischer Verfolgung. Doch wer sich dem starken Staat und seinen korrupten Bütteln in den Weg stellt, muss dafür bezahlen. Mit seinem Posten, seiner Freiheit, seinem Leben. Mutige Journalisten, Menschenrechtler, zu viel wissende Ex-Spione. Richtern ergeht es wie ihren Kollegen unter Berlusconi. Dem Fernsehen auch. Oppositionelle Parlamentarier mussten gehen – Putins Popularität blieb. Zwei Quellen speisten seine Erfolge. Der rasant steigende Ölpreis (und Gaspreis) und der Westen. Die Nato-Erweiterung, die von Bush geplante Raketenabwehr, die farbigen Revolutionen in Georgien und der Ukraine (hinter denen der Kreml nicht zu Unrecht die USA vermutete) demütigten das Volk. Und bekräftigten das Leningrader Credo des großrussischen Wiedertäufers.
Das klingt jetzt leiser. Der Verfall der Energiepreise beendete Putins Wirtschaftswunder abrupt. Mit den Petro-Rubeln hatte er nur den Status quo zementiert, nicht aber Ökonomie und Infrastruktur modernisiert. „Putin raus!“, rufen heute notleidende Demonstranten in Dutzenden Städten. Die neuerlichen Anschläge in Moskau haben sein erstes Versprechen, alle Terroristen „im Klo zu ersäufen“, als prahlerische Gassenjungen-Rhetorik entlarvt. Die Attentäter kämpfen nicht mehr für ein separates Tschetschenien, sondern für einen islamischen Gottesstaat im gesamten Nordkaukasus. Das ist kein Anlass für westliche Schadenfreude und sollte daran erinnern, dass es einst Putin war, der nach dem 11. September 2001 den USA solidarisch Überflugrechte für den Kampf gegen die Taliban zugestand. Was ihm nach eigenem Empfinden George W.Bush schlecht lohnte. Die jetzige Abrüstungsübereinkunft von Prag heißt auch deshalb symbolträchtig „Neu-START“. Und Putins Verneigung vor Stalins Opfern im polnischen Katyn lässt hoffen, dass der angeschlagene Held nicht länger alle Nachbarn für Russlands Ehre zu Feinden machen will. |