Cicero Startseite | RSS-Feed | Facebook | Twitter | Kontakt | Abo | Als Startseite festlegen
 Anzeige
druckenIhre MeinungArtikel versenden
zoom
Griechenland von Alpha bis Ω
von Andreas Schäfer

Was ist nicht alles über Griechenland gesagt worden – Hämisches, Verständnisvolles, Analytisches, das beweisen soll, warum das Land die EU in den Abgrund zieht – oder gerade nicht. Eine Anleitung zum besseren Verständnis einer widersprüchlichen Gesellschaft.

Alpha wie Akrópolis. Unübersehbares Zentrum der Stadt Athen, Stolz und zugleich mühlsteinschwere Last des modernen Griechen. Huldigungsobjekt humanistischer Studienräte. Als der griechische Staat Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gegründet wurde, war Athen nicht mehr als ein staubiges Dorf, das dennoch zur Hauptstadt bestimmt wurde, um zu demonstrieren, wie sehr sich der neue Staat auf die Kultur der Antike bezog. Dieser Kult der Antike war verhältnismäßig neu. Auch unter der sogenannten Türkenherrschaft gab es in der griechischen Bevölkerung zwar – vor allem wegen der Sprache – die Vorstellung einer Kontinuität von der Antike bis in die damalige Gegenwart, doch war dieser Glaube diffus, fast märchenhaft. Erst durch die Begeisterung der am Befreiungskrieg beteiligten Philhellenen und die im Westen zu Geld gekommenen Auslandsgriechen wurde das antike Griechenland zur Referenz eines neuen Nationalgefühls.

Es gibt Stimmen, die behaupten, Griechenland sei deshalb eine Erfindung des Westens, namentlich der Engländer und der Deutschen. Schon 1935 machte sich die irische Germanistin Elizabeth Marian Butler in ihrem Buch „The Tyranny of Greece over Germany“ über die Antikenberauschtheit der Deutschen lustig. Ein fernes Echo dieser Idealisierung ist auch heute noch zu vernehmen – aus der Häme und Verachtung einiger deutschsprachiger Medien zur griechischen Finanzkrise. Nur wer idealisiert, kann so tief enttäuscht werden! Die Bildung eines Nationalgefühls und eines Staates über die Interessen einer ländlichen Bevölkerung hinweg war jedenfalls ein schwieriges Unterfangen.

Ioannis Kapodistrias, der erste Präsident Griechenlands, wurde 1831 umgebracht, weil er die Herrschaftsansprüche eines mächtigen Clans beschneiden wollte. Heute hat Griechenland mit dem Nationalgefühl kein Problem. Nur mit der Treue zum Staat hapert es noch immer. Siehe auch unter kómmata (Parteien), mángas (schlauer Kerl) und esý ftais (du bist schuld).

Beta wie mpouzoúkia. So wie auf ihre (fiktiven oder realen) antiken Wurzeln sind viele heutige Griechen auch auf ihre Volkstümlichkeit stolz. Jedes Wochenende pilgern Millionen Menschen aus allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten zu sta mpouzoúkia, einem mitreißenden Musik- und Tanzvergnügen. Erst sitzen die Menschengruppen (siehe auch unter paréa) an langen Tischen, während ein kleines Orchester aufspielt. Bald wird getanzt, später auch auf den Tischen.

In den Morgenstunden liegen Tausende Papierservietten und die Scherben Hunderter Teller auf dem Boden der Tanzfläche. Nur eine eher linksgerichtete Jugend hält sta mpouzoúkia nicht für den authentischen Ausdruck griechischer Lebensfreude, sondern für Kitsch, bei der die Teilnehmer sich eine Art Touristik-Griechentum vortanzen.

Gámma wie Giorgos Papandreou. Seit Oktober 2009 griechischer Ministerpräsident, vor dem eine Aufgabe herkuleischer Ausmaße liegt. Enkel von Georgios Papandreou und Sohn von Andreas Papandreou, die beide auch schon Ministerpräsidenten waren und deren Schulden er nun zu begleichen hat. Seit Ratingagenturen Griechenlands Bonität wegen seines Haushaltsdefizits von 12,7 Prozent auf BBB+ herabgestuft haben, ist Papandreou zum Sanieren verdammt. „Wir müssen das Vertrauen Europas und der Märkte zurückgewinnen“, wiederholt er mantraartig. Das scheint mit dem rigiden Sparprogramm zumindest im Ansatz gelungen. Auch die eigene Bevölkerung steht hinter ihm. Obwohl täglich gestreikt wird, befürworten 65 Prozent der Griechen seinen Kurs. Am schwierigsten wird es freilich, den von Generation zu Generation weitergegebenen Ungeist des Eigennutzes im Land durch Transparenz und eine Kultur des Vertrauens zu ersetzen.

Delta wie diafotismós. Aufklärung. Eine Aufklärung im westeuropäischen Sinn hat in Griechenland nie stattgefunden. Ebenso konnte sich kein starkes Bürgertum etablieren, weil die dafür notwendige Industrie kaum vorhanden war. Bürgerliche Werte und Vorstellungen wie Gemeinwohl oder Gewissen werden deshalb auf eine sehr unorthodoxe Weise interpretiert.

Epsilon wie esý ftais. Du bist schuld. Auch die Variante oi álloi ftaine (die anderen sind schuld) ist sehr gebräuchlich. Wie in vielen kleinen Ländern sieht man sich auch in Griechenland zum Teil sehr berechtigt, aber irgendwie auch automatisch als Opfer. Als Opfer der Türken, als Opfer der deutschen Besatzer (dass die Deutschen sich um die berechtigten Reparationszahlungen für die Besatzung drückten, indem sie 1990 den Friedensvertrag mit den Alliierten nicht „Friedensvertrag“, sondern „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ nannten, steht außer Frage). Als Opfer der Rechten oder Linken im eigenen Land während des Bürgerkrieges, als Opfer der amerikanischen Geheimdienste während der Diktatur. Und schon immer als Opfer der eigenen Politiker. Insofern markiert der kürzlich geäußerte mutige Satz Giorgos Papandreous „Wir sind selbst schuld“ an der finanziellen Situation eine Revolution im Selbstverständnis. Womöglich markiert er sogar das späte Ende einer sehr, sehr langen griechischen Nachkriegszeit.

Zita wie zoe. Das Leben. Siehe oben und unten.
Ita wie iroismós: Heldenmut. Das, was man Giorgos Papandreou wünscht.
Thita wie thálassa. Das Meer.
Iota wie iatreio. Arztpraxis. Der Bestechungstarif für die Entbindung eines Babys beträgt zurzeit 1000 Euro. So etwas wie Berufsehre ist bei Lehrern, Ärzten, Fahrlehrern, Bauunternehmern und vielen Beamten nur rudimentär vorhanden. Das Fordern und Annehmen von Bestechungsgeld in sogenannten fakela kia (kleinen Umschlägen) gehört zum Alltag. Die dazugehörigen Ausreden lauten: Muss ich doch, denn 1.ist mein Gehalt viel zu niedrig, 2.machen es alle, die mich 3.für arrogant hielten, wenn ich es nicht täte.

Kappa wie kómmata. Parteien. Schon 1875 formulierte der griechische Autor Emanuil Roidis: „Anderswo entstehen Parteilen, weil Menschen mit den Meinungen anderer nicht übereinstimmen, jeder möchte etwas anderes. In Griechenland ist genau das Gegenteil der Fall: Was Parteien entstehen lässt, ist die wunderbare Übereinstimmung, mit der sie alle dasselbe suchen: sich durchzufuttern auf Kosten des Staates.“ Ein Großteil der heutigen Bevölkerung würde diese Einschätzung noch immer unterschreiben. Der Umstand hat freilich katastrophale Folgen. Da viele Politiker sich nicht dem Gemeinwohl, sondern sich selbst, der eigenen Familie und ihrem Klientel verpflichtet fühlen, sieht sich der Einzelne auch von seinen bürgerlichen Pflichten entbunden.
Ein unausgesprochener Gesellschaftsvertrag fehlt in Griechenland so gut wie ganz. In der Mitte der Gesellschaft klafft ein riesiges Loch, das nicht nur Geld verschlingt, sondern auch unablässig Misstrauen generiert.

Denn so wie das Selbstbild des Opfers tief ins kollektive Bewusstsein geprägt ist, so ist der profane Alltag des Einzelnen von der Sorge bestimmt, übervorteilt und damit Gegenstand des Spottes – ein koroido, ein Dummkopf – zu werden.

Lamda wie lámpsi. Glanz. Liegt plötzlich auf den Dingen. Als hätte ein gnädiger Gott einen Schalter betätigt, verwandelt sich Athen an jedem späten Nachmittag. Die kaum erträgliche, in der Luft liegende Aggression ebbt ab, das zermürbende Gefühl, gegen Windräder zu rennen, zieht sich zurück und macht einem immer wieder überraschenden Gegenwartserleben Platz. Jetzt strahlen sogar die hässlichen Betonhäuser mit den zerrissenen Markisen.

Mi wie mángas. Schlauer Kerl. Wer kein Dummkopf sein will, muss – so die Logik dieses Teufelskreises – zwangsläufig zum mángas, zum schlauen Kerl werden. Der mángas ist gewieft und weiß jede Situation zu seinem Vorteil zu nutzen. Für ihn ist die Obrigkeit einerseits der Feind, dessen Clan-Gesetze er andererseits blind beherrscht. Er zahlt – gesellschaftlich anerkannt! – keine Steuern, verfügt aber über gute Beziehungen (to méson) in die Politik, um sich selbst Baugenehmigungen oder Mitgliedern seiner Familie Arbeit zu besorgen.

Paradox, aber wahr: Der Staat wird als böse und korrupt angesehen, den man quasi hintergehen muss. Zugleich ist er der gute Onkel, bei dem man seine Kinder unterbringen will. Dreißig Prozent der arbeitenden Bevölkerung werden direkt oder indirekt von diesem guten Onkel versorgt.

Ni wie nóotropia. Mentalität. Etwas, wovon die Griechen sagen, dass es sich ändern muss. Man selbst wäre auch zur Veränderung bereit – vorausgesetzt der andere fängt an. Siehe auch unter oi álloi ftaine (die anderen sind schuld).

Xi wie xékolo. Griechischer Frauentyp der auf Pump finanzierten, also pseudoneureichen nuller Jahre. Optische Mischung aus russischer Oligarchengattin und brasilianischer Strandschönheit, die bauchfrei gern in den Straßencafés des schicken Athener Viertels Kolonaki sitzt, immer im Blick den glitzernden Geländewagen, der zärtlich nur tsipaki, also Jeepchen, genannt wird.

Omikron wie oikogénia. Familie. Mit Abstand wichtigste Einheit der neugriechischen Gesellschaft. Für ihre Kinder tun griechische Eltern alles. Erst zahlen sie monatlich Hunderte Euro für obligatorischen Privatunterricht, damit der Nachwuchs den Sprung auf die Universität schafft. Dann lassen sie ihn, weil er keine Arbeit findet, ewig bei sich wohnen, überschreiben ihm schließlich eine
Eigentumswohnung oder stellen ihm Bauland zur Verfügung, auf dem nach dem Brauch der antiparochi (Gegenleistung) auch ohne Eigenkapital Häuser aus dem Boden wachsen.
Das geht so: Ich habe ein Grundstück und keinen Euro auf der hohen Kante, dafür einen Bauunternehmer an der Hand, der bereit ist, auf dem Gelände sechs Reihenhäuser zu errichten. Vier für ihn, zwei für mich. In eines ziehe ich selbst, das andere wird vermietet.
Auf diese Weise erhalten viele junge Leute neben ihren lachhaften Siebenhundert-Euro-Gehältern noch ein zweites Einkommen aus dem Familientopf. Wäre es nicht so, hätte sich die Wut der Jungen nicht erst im vergangenen Jahr, sondern viel früher in Ausschreitungen Bahn gebrochen.

Pi wie paréa. Clique. Nach der Familie zweitwichtigstes Kollektiv der griechischen Gesellschaft. Eine nichtfamiliäre, aber familienähnliche Gemeinschaft, die sich der Einzelne zum ersten Mal im jugendlichen Alter sucht. In anderen Gesellschaften löst sich der Verbund mit dem Erwachsenwerden auf. In der griechischen Gesellschaft sammeln sich auch Erwachsene in solchen Freizeit- und Palavereinheiten von ungefähr sechs bis zwölf Personen, die sich durch eine diffuse, aber sehr wirkungsmächtige Verschworenheit auszeichnen. Die Kehrseite der mit der paréa verbundenen Nestwärme: soziale Kontrolle, Energieabfall durch stundenlangen Informationsaustausch, Verlust von Eigeninitiative. Griechen, die Jahre im Ausland verbracht haben, verzweifeln darüber, dass sie kurz nach ihrer Rückkehr – quasi ohne ihr Zutun – in die klebrigen Fänge einer paréa geraten, in der gern und ausdauernd über Vor- und Nachteile von Vorhaben gesprochen wird – anstatt sie umzusetzen.

Ro wie rousféti. Gunsterweisung. Das, was der Durchschnittspolitiker sich, seiner weitverzweigten Familie oder Mitgliedern seiner paréa (oder der seiner Kinder) zukommen lässt: Arbeit. Geld. Aufträge.

Sigma wie Siemens. Deutsche Firma, die über eine Milliarde Euro für Bestechungen in vielen Ländern gezahlt hat. Kleine Erinnerung daran, dass nicht nur in Griechenland bestochen wird.
Taf wie tavérna. Wohnzimmer der paréa.

Ypsilon wie ypéythynos. Verantwortlich. Siehe dazu esý ftais (du bist schuld).

Fi wie foros. Steuer. Was bitte?

Chi wie chydaeótita. Vulgarität. Greift rapide um sich. Siehe unter xékolo.

Psi wie psarákia. Kleine leckere gebratene Fischchen. Alles, was schmeckt und behagt, wird heimelig durch die Endung -aki verniedlicht. Alles, was unangenehm ist, aber auch: échoume éna problimatáki. Wir haben da ein klitzekleines Problemchen.

Omega wie och! Ausruf eines Hausbesitzers, dessen illegal gebaute Villa bei einem der vielen, wahrscheinlich von Bauspekulanten entfachten Waldbrände den Flammen zum Opfer fällt – und dessen Verzweiflung nun als ewiger Klageton über der geschundenen attischen Ebene hängt.


Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe April 2010

» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft


 Ihre Meinung zu diesem Artikel
Ihr Name  
Ihr Wohnort  
Ihre eMail  
Ihr Kommentar  
    senden
druckenIhre MeinungArtikel versenden
Leserkommentare
Dr. M. Nobbe () 20.04.2010
Interessant
Anzeige
 
Cicero-Sammelschuber - Jetzt bestellen!
RSS Feed
Abonnieren Sie Weltbühne als RSS-Feed
abonnieren

randnotiz
Artikel aus
Ausgabe April 2010
» Heftarchiv
» Ausgabe bestellen
» Kostenloses Probeheft

Andreas Schäfer
Andreas Schäfer ist Sohn eines deutschen Vaters und einer griechischen Mutter. 2003 bis 2004 lebte er in Athen. Soeben erschien von ihm „Wir vier“ (Dumont-Verlag).


Aufbruch der Leistungsträger
mehr lesen
Kultur ohne Hüter
mehr lesen
Willkommen auf dem Elektro-Basar
mehr lesen
Debatte
Warme Worte
mehr lesen
Mama, hilf!
mehr lesen
Berliner Republik
Kultur ohne Hüter
mehr lesen
Produktionsfaktor Kind
mehr lesen
Kapital
Ein Computer mit vier Rädern
mehr lesen
Die Politik fördert die Altersarmut
mehr lesen
Politsche Videos
Die alte Tante ist K.O.
Video anschauen
Barack Obama schwört den Amtseid und hält die Antrittsrede
Video anschauen
Salon
„All deine Ängste ablegen“
mehr lesen
Lesende Autoren, essende Köche
mehr lesen
Leinwand
Banale, gelbe Bilder
mehr lesen
"Mit Busen ist es so..."
mehr lesen
Netzstücke
Ein Jahr nach dem Luftschlag
mehr lesen
Willkommen auf dem Elektro-Basar
mehr lesen
Bibliothek
Hilfe, die Aliens kommen!
mehr lesen
Der koschere Knigge VII: Rassenlehre
mehr lesen

 Magazin Cicero
Die aktuelle Printausgabe

Inhalt
Abonnement

 Service
Newsletter
abonnieren

anmelden

 Medien im Blick
Die tägliche
Presse-
Rundschau

weiter

nach oben