
Kein Land hat dermaßen Liebe nötig von Joseph Roth Joseph Roth fiel es im Jahr 1931 nicht ganz leicht, ein Bekenntnis zu Deutschland abzugeben: "Dem Vaterland kann man seine Anhänglichkeit nur in einer Form erklären, die sich unzweideutig scheidet von den üblichen Formen patriotistischer Liebeserklärungen." Cicero dokumentiert Roth im Original. Dem aufrichtigen Bekenntnis zu dem Lande, das man aus geheimnisvollen und also nicht zu erörternden Gründen sein Vaterland heißt, muss man, beinahe aus ebenso unerklärlichem Grund, eine Art Erläuterung vorausschicken. Nirgends und niemals noch hat ein Bekenntnis zur Heimat einer Entschuldigung bedurft. Heute und bei uns sieht man sich gezwungen, vorerst die Bekenntnisformel von der schwülstigen Verlogenheit zu säubern, mit der man sie beworfen hat, von der papiernen Phraseologie, von der es seit Jahrzehnten um sie raschelt, von der blutrünstigen Rohheit, die seit Jahrzehnten den Patriotismus, die Liebe zur Nation und die Sprache in Pacht hält und vergewaltigt. Dem Vaterland kann man seine Anhänglichkeit nur in einer Form erklären, die sich unzweideutig scheidet von den üblichen Formen patriotistischer Liebeserklärungen. Es gab eine Zeit in Deutschland, wo die stille Würde des Gelehrten, die behutsame Scheu des Dichters, die staatsmännische Vernunft des Politikers und alle einfachen Herzen der privaten Menschen mit natürlicher Selbstverständlichkeit die Liebe zum Vaterland gestanden und bekannten in Briefen, in Werken, in Äußerungen jeder Art. Es gab keine patriotisch privilegierten Parteien, und die vaterländischen Bekenntnisse waren noch keine demonstrativen Schlachtrufe. Das Nationalgefühl war die stillschweigende Voraussetzung jeder Gesinnung - so wie die menschliche Solidarität die stille Voraussetzung jeder wahrhaft menschlichen Existenz ist. |
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